Obwohl viele so tun, als wüßten sie, wovon sie sprechen, wenn sie über Gebrauchsanleitungen reden, gibt es meines Wissens nach keine allgemein gültige Definition dessen, was man Gebrauchsanleitung nennt. Hier und da gibt es Ansätze, Teilaspekte, aber nichts Verbindliches. Ich möchte Sie zur Diskussion darüber einladen, das Feld abzustecken. Bitte schreiben Sie mir Ihre Meinung zur Frage: "Was ist eine Gebrauchsanleitung?" Um den Dialog anzuregen, hier meine Gedanken dazu. Sie sind Teil des Vorwortes der Veröffentlichung: "Zur Geschichte der Gebrauchsanleitung. Theorien - Methoden - Fakten", die im Peter Lang Verlag erschienen ist.
Dr. Clemens Schwender, 8. Dezember 1997
| Gebrauchsanleitung-
eine Anleitung zum Gebrauch |
"Warum
sind die Dinge so, wie sie sind?" Das ist die Frage, die Wissenschaft,
zumal wenn sie sich als historische Wissenschaft versteht, zu beantworten
hat. Wenn es dabei gelingt, die Ergebnisse nicht nur nacherzählend
zu beschreiben, sondern auch theoretisch und methodisch zu begründen,
ist es eine gelungene Wissenschaft. Erst dadurch sind Erkenntnisse zu diskutieren
und zu hinterfragen. Das ist eines der Ziele dieses Definitionsversuches:
Ins Gespräch zu kommen über ein Thema, dem sich bislang noch
jemand gewidmet hat. Dabei sind doch viele wissenschaftliche Disziplinen
beteiligt: Soziologie, Psychologie, Semiotik, Geschichte von der Frühzeit
bis zur Moderne, Technikgeschichte, -soziologie und -philosophie, Linguistik
und schließlich Medienwissenschaft, ein Fach, das seinerseits viele
Teildisziplinen vereinigt.
Daß ein großer Bedarf an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema besteht, wird immer wieder klar. Der öffentliche Diskurs in Museen (in Berlin, Nürnberg und Frankfurt), Massenmedien (Spiegel-Titelgeschichte 48/1997), Universitäten und Schulen sowie auf Fachkongressen artikuliert den Bedarf nach Auseinandersetzung. Zuletzt wurde der Wunsch auf der tekom-Frühjahrstagung 1997 in Berlin geäußert. Wobei Praktiker auf dem Gebiet der Technikdokumentation immer wieder Tips für die tägliche Arbeit fordern. Sie brauchen die Gewißheit, daß diese Hinweise auf wissenschaftlich gesichertem Boden stehen. Einige der Beitragsautoren zeigten in der Vorbereitung des Sammelbandes Hemmungen, daß ihre Ergebnisse noch nicht ausgereift, noch nicht wasserdicht seinen. Das ehrt die Kollegen und Kolleginnen, aber wie soll es zu einer Fortentwicklung der Disziplin kommen, wenn man sich nicht traut, auch weiche Hypothesen vorzutragen? Denn harte Hypothesen entstehen gewöhnlich aus weichen, die mutig vorgetragen und in kollegialer und schonungsloser Erprobung erhärtet werden. Das Problem beginnt schon mit zwei Fragen. Erstens: Was ist das überhaupt: Gebrauchsanleitung? Und zweitens: Wann fängt es an mit der Anleitungen zum Gebrauch? Beides grundlegende Fragen. Gebrauchsanleitungen sind Sonderfälle von Handlungsanweisungen. Also nicht nur Gesetze, Gebote und allgemeine Verhaltensregeln fallen unter den Begriff. Einig wird man sich sein, daß einerseits immer ein Bezug zu einem Artefakt gegeben sein muß, dessen Verwendung beschrieben ist und anderseits eine Fixierung auf einem Speichermedium gegeben sein muß, um die direkte mündliche Weitergabe in einer Lehrer-Schüler-Situation aus der Definition auszuschließen. Der Oberbegriff Technische Dokumentation umfaßt auch Stücklisten und Ersatzteilkataloge, doch auch die sollen außen vor bleiben. Die Rolle des Rezipienten ist definiert als die eines Lesers, der die Anleitung nicht zum Selbstzweck oder zur Unterhaltung oder Erbauung liest, sondern um sich in die Lage zu versetzen, mit einem Artefakt umzugehen. Das Erlernen einer Technik ist ausschlaggebend. Damit wird man den Ursprung der Gebrauchsanleitung da zu suchen haben, wo die Rolle des Lehrers von bildlich oder schriftlich fixierten Zeugnissen übernommen ist. Dabei ist die Form der Darstellung ziemlich gleichgültig. Ob ich in schriftlicher oder in bildlicher Form unterrichte, ob ich dialogisch, in Reimen oder gesungen vorgehe; all dies spielt keine Rolle. Die Gebrauchsanleitung definiert sich über den Verwendungszusammenhang und die Intention sowohl des Kommunikators als auch des Rezipienten. Es gibt Grenzbereiche. Wo fängt die Gattung an? Beim Kochbuch? Denn immerhin wird eingeführt in den Umgang mit Zutaten und deren Umgang. Auch von Kochgeräten und Kochmaschinen ist mitunter die Rede. Jedoch wird nicht gesagt, wie man mit ihnen umgeht. Daß zum Beispiel der Herd auf 200 ° C vorzuheizen ist, wird erwähnt aber nicht wie man diese Eistellung vornimmt. Das "Wie" des Umgangs ist offenbar der Inhalt der Gebrauchsanleitung. Auch Klaviernoten erfüllen einige Bedingungen der Definition zur Gebrauchsanweisung. Steht da nicht, welche Taste man wie lange drücken soll? Geht es nicht um Handlungsanweisungen im Umgang mit einem Artefakt? Die Art der schriftlichen Fixierung mag für manche zwar etwas fremd scheinen - Schlüssel, Noten, Pausenzeichen -, aber das kann nicht das Kriterium sein. Möglicherweise kommt man auch wieder über die Intention zum Unterschied: Beim Spielen eines Musikinstrumentes ist das Ziel beim Umgang erreicht. Der Prozeß ist das Ziel. Anders bei einer Anleitung zu einem technischen Artefakt. Hier geht es immer um etwas anderes. Man setzt doch das Gerät ein, um eines Ergebnisses willen. Ein Output scheint ein wesentliches Kriterium zu sein. Ich lese die Anleitung, um mit einer Kamera Bilder machen zu können, mich mit einem Rasierapparat rasieren zu können, mit einer Nähmaschine eine Hose flicken zu können. Auf einer Flasche Glasreiniger steht: Wesentlich ist, daß Technik erlernt werden muß. Der Gebrauch der Technik ist in der Regel nicht angeboren. Nur in den seltensten Fällen ist sie selbsterklärend. Technik ist somit erklärungsbedürftig. Technik und die Anweisung zu deren Gebrauch gehören notwendig zusammen. Lehrer vermitteln sie den Lernenden mit allen mündlichen oder visuellen Mitteln, die der Vermittlung offen stehen. Gebrauchsanleitungen - in welcher Form auch immer - sind nicht Bestandteil der Technik, sondern Bestandteil der Vermittlung. Im April 1934 fragt der Völkische Beobachter unter der Überschrift "Das Drehbuch": "Gebrauchsanleitung oder Kunstwerk?" Dabei geht es um die Abgrenzung von einer anderen Seite, denn als literarisch eigenständiges Werk scheint eine durchnumerierte Liste mit Kameraeinstellungen, Szenenbeschreibungen und Dialogen nicht zu gelten. Wohl kann ein Kameramann nach dieser Vorlage den in der Beschreibung intendierte Film realisieren, doch wie beim Musikstück wird wieder das "was" beschrieben: Was ist bei der Kamera einzustellen? Und nicht "wie"? Nicht die Knöpfe, Linsen und Objektive sind benannt, sondern das Ergebnis der Einstellung: "Großaufnahme". Der Rest ist aus der Anleitung der Kamera zu entnehmen. Übrigens weiß der Autor des Artikels, B. Ronneburg, den Unterschied durchaus zu beschreiben: Wenn Sie jetzt in Ruhe Platz genommen haben, die Paßform der neuen Sitze und die Griffigkeit Ihres Lenkrades spüren, dann stellt sich wahrscheinlich sehr schnell das Gefühl ein alles paßt, daß man alles mühelos in der Hand hat. Und wenn Sie die vielen Details um sich herum wirken lassen, werden Sie merken: Alles sitzt optimal, ergonomisch richtig, wie unsere Konstrukteure sagen. Bevor Sie mit Ihrem neuen Mercedes losfahren, möchten wir Ihnen noch einige interessante Informationen und Hinweise geben. Als Typ und Erscheinung ist er außergewöhnlich. Bestimmt macht es Ihnen Spaß uns ein paar Minuten zuzuhören und dabei das eine und andere direkt mit uns zusammen - natürlich nur bei stehendem Fahrzeug - auszuprobieren. Ein kleiner praktischer Tip dazu: Wenn wir mit unseren Erläuterungen zu schnell sind, während Sie sich noch orientieren wollen, dann nur kurz das Band stoppen. Das heißt, Sie machen sich unsere Beschreibung so zurecht, wie es Ihnen am besten paßt." - Musik - "Teil 1. Elektrische Sitzverstellung, Lenkradverstellung, elektrische Außen- und Innenspiegelverstellung, Momory-Speicherung. Bevor wir mit den hauptsächlichen Einstellfunktionen beginnen, ein genereller Hinweis: Bitte drehen Sie den Schlüssel im Lenkschloß auf Position 2, also Zündung an'. Somit sind alle elektrischen Verstellmechanismen betriebsbereit. Jetzt können wir gleich gemeinsam mit Ihnen Ihre ideale persönliche Sitzposition einstellen. Ist der Mercedes mit elektrischer Sitzeinstellung ausgestattet, befindet sich innen an der Vordertür eine kleine Sitzsymbolik. Wenn Sie die einzelnen Sitzsymbole für Sitz, Lehne und Kopfstütze mit dem Finger in die gewünschte Richtung bewegen, bewegt sich der Sitz genau entsprechend.. Probieren Sie es mal." - Musik "Zum Hören stellst Du Dich davor
Eine Gebrauchsanleitung ist somit die schriftlich oder bildlich fixierte Darstellung von der Handhabung komplexer Artefakte. Meist, aber nicht notwendig, sind diese Fixierungen dem Gerät gleich beigegeben auf Papier, auf der Verpackung oder als Aufdruck auf dem Gerät selbst. Beim Auspacken erwarten wir die obligat und mittlerweile auch vom Gesetzgeber geforderte Gebrauchsanleitung. Manchmal kann man die Dokumentation auch in einem Buchgeschäft erwerben. Dieser Distributionsweg ist vor allem bei Standard-Software viel genutzt. Aber was allen Formen, Stilen und Medien gleich ist, ist der enge Bezug zu einem Produkt und dessen Handhabung. Die zweite gestellte Generalfrage nach dem Beginn der Gebrauchsanleitung ist ebenso schwer zu beantworten. Auch hier können nur Überlegungen stattfinden, die möglichen Ursprünge eingrenzen. Über die Verwendung und Intention der ersten bildlichen Fixierungen in den Höhlenmalereien der Steinzeit wissen wir wenig, zu wenig, um sie in einen Zusammenhang von Artefakt und Handhabung zu stellen. Wenn der Nachweis einer entsprechenden Intention gelänge, müßten wir tatsächlich die Ursprünge so weit zurück datieren. Doch dies ist spekulativ. Ein paar tausend Jahre später verdichten sich die Indizien. Erste deutliche Hinweise sind nämlich aus ägyptischen Quellen bekannt. In der kleinen Stadt Deir el-Medineh lebten die an den Königsgräbern bei Theben beschäftigten Arbeiter. Sie hinterließen vor mehr als 3.000 Jahren vielerlei Notizen ihrer alltäglichen Belange und bezeugen damit den ungewöhnlichen Bildungsstand einer Handwerkerbevölkerung im Neuen Reich. (McDowell, Andrea G.: Die Schriftkultur einer altägyptischen Siedlung, in: Spektrum der Wissenschaft Deutsche Ausgabe von Scientific American, Februar 2/1997, S. 76-81) So findet sich auf einer Abbildung, die eine Person in gebückter Haltung vor einer Feuerstelle zeigt, die Worte: "In den Ofen blasen." Für die Definition als Gebrauchsanleitung kommt hier ein neues Merkmal auf. Falls diese Szene lediglich die Handlung darstellt, so kann das Dokument als Vorläufer einer anderen Mediengattung, nämlich der Comics gewertet werden, zumal auch Linien vom Mund zur Ofenöffnung zu erkennen sind, aber nicht als Vorläufer der Instruktionsgattung. Gebrauchsanleitungen, das ist ein weiteres wichtiges Merkmal, erkennt man auch an ihrem quasi-imperativen Charakter. Gebrauchsanleitungen machen Handlungsvorschläge und Einschränkungen, und eröffnen Handlungsmöglichkeiten. Sie zeigen nicht nur die Bedingungen auf, unter denen ein Handlungsziel erreichbar ist, sie benennen die notwendigen Handlungsoperation an dem Artefakt. Der Imperativ ist somit unabdingbarer Bestandteil der Gattung, selbst wenn er nicht immer in der grammatisch korrekten Form mit Ausrufezeichen daher kommt, sondern eher an den neutralen Infinitiv erinnert. Deutlichere Hinweise, daß diese Bedingungen schon früh in der Geschichte erfüllt waren, finden sich auf einem Amulett gegen Hautausschlag aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. Auf dem geöffneten Papyrusamulett steht ein Zauberspruch der Göttin Isis gegen Hautausschlag an allen Gliedern. Die heilende Wirkung soll durch magische Zeichnungen verstärkt werden: sieben Gottheiten, daneben zwei Augen und Schlangen, darunter die symbolische Vernichtung der Götterfeinde durch die Speerung eines Nilpferdes und eines Krokodils, das auf dem Rücken liegt. Am Ende des hieratischen Textes steht ein Hinweis für den Nutzer: "Niederlassen auf seiner Brust. Um den Hals zu tragen". Dieser Instruktionstext erfüllt damit eine der bislang entwickelten Bedingungen, nämlich die Handlungsanweisung in Bezug auf ein Artefakt. Eine andere allerdings nicht: Der Gegenstand ist nicht gerade als technisches Gerät zu klassifizieren. Bei einer Anleitung zu einem Amulett gegen Hausausschlag handelt es sich also strenggenommen nicht um Technikdokumentation, sondern eher um einen Vorläufer der Beipackzettel zu einem Arzneimittel. Also geht die Suche weiter. Der nächste historische Halt ist in römischer Zeit. Der Pont du Gard bei Nîmes, errichtet Ende des ersten Jahrhunderts v. Chr., überspannt den Fluß in drei Geschossen mit einer Gesamthöhe von 49 Metern. Pro Tag flossen 20.000 m3 Wasser nach Nîmes. Vitruvius beschreibt die Wasserversorgung nicht nur, er gibt auch Hinweise, wie das Meisterwerk ausgeführt werden kann für diejenigen, die an Nachbauten interessiert sind: Nächster Versuch. Vielversprechend ist die Analyse technischer Zeichnungen, wie sie mit der Renaissance verstärkt aufkommen. Leonardo Da Vinci ist wohl der wichtigste und bekannteste Vertreter. Obgleich er mit seinen wenigen Gemälden seinen Weltruhm begründet hat, sind seine technischen Zeichnungen vielfältiger und zahlreicher. In der Tat hat er damit die Grundlage für moderne Darstellungsweisen der Technik gelegt: Perspektive, Größenverhältnisse, Referenzbuchstaben und erläuternder Text wurden zwar nicht von ihm erfunden, aber doch in komplexer Weise angewandt. Er ist der erste, der den Blick ins Innenleben der Technik richtet. Die Explosionszeichnung, die wie an einer Schnur aufgereihte Geräteteile darstellt, wurde von ihm perfektioniert. Kaum eine Bastelanleitung in einem Überraschungsei kommt ohne diese auf Da Vinci zurückzuführende Form der Darstellung aus. Somit stellen die technischen Zeichnungen dieser Epoche wesentliche Entwicklungsstufen der modernen Technikdokumentation dar. Was jedoch fehlt, ist zum einen wiederum die Anleitung zur Handhabung der Maschinen, zum anderen die Intention der Vermittlung. Die Zeichnung waren häufig nicht einmal als Anleitung zum Nachbau gedacht, sondern Zeichnungen zur Gedächtnisstütze des Erfinders. Es fehlt die Intention von Da Vinci und seinen Zeitgenossen, dem Anwender Regeln und Anweisungen zu geben. In aller Regel sind es keine Instruktionen zum Umgang, sondern höchstens zum Bau der Geräte und Artefakte, damit sind die Zeichnungen Da Vincis eher als Vorläufer der IKEA-Bauanleitungen zu sehen, denn als Vorläufer der Gebrauchsanleitung. Anders sieht es auch mit dem bereits erwähnten Feuerwerkbuch. Zwar finden sich auch hier Montagehinweise und Regeln für das richtige Verhalten und den gefahrlosen Umgang des Meisters mit den Bestandteilen des explosions- und feuergefährlichen Pulvers, doch ebenso finden sich exakte Beschreibungen mit dem Umgang der Kriegstechnik. Anhand von zwölf Fragen, eine Art Checkliste, erklärt sich der Schreiber zu den einzelnen Punkten. Ein Beispiel, das das Laden einer Büchse beschreibt, sei herausgegriffen: Die Regel der Technikvermittlung war bis dato mündlich. Manufakturen gab es nur für Porzellan, Textil, Glas oder Tabakwaren, die keinerlei Erklärung bedurften. Der Handwerker baute mitunter komplexere Gebilde, konnte aber den Käufer bei der Übergabe mündlich einweisen und war auch für Nachfragen erreichbar. Fixierungen aus der vorindustriellen Zeit sind rar. Ein Beispiel aus der Vorzeit der industriellen Warenproduktion zeigt die Anleitung zur Benutzung des Laufrades von Freiherr Carl von Drais aus dem Jahre 1817. Da die papierne Zugabe zur Ware noch unbekannt war, wundert es nicht, daß die Anleitung für das Laufrad über den Buchhandel vertrieben wurde. Es ist auch augenscheinlich, daß es sich um keine Montageanleitung handelt, da ein wichtiges konstruktives Element - die Hinterradbremse - aus Angst vor Nachbau vom linken Bein der abgebildeten Figur verdeckt ist. (Lessing, Hans-Erhard: 175 Jahre deutsche Gebrauchsanleitung. Die Werbeschrift für die Drais'sche Laufmaschine von 1817, in: tekom Nachrichten 1.93, S. 6) Ein wichtiger Schub in der Verbreitung der medial fixierten Anleitung stellt sicherlich die Industrialisierung dar. Die Nutzung neuer Energiequellen brachte eine Vielzahl von Maschinen hervor, deren Beschreibung von den Erfindern zunächst aus patentschutzrechtlichen Gründen angefertigt wurden und dann Grundlage für die gedruckten Beigaben zu den Maschinen waren, die aufgrund der örtlichen Trennung von Produzent und Konsument erforderlich waren. Zusätzlich wurden die Betreiber der Geräte noch intensiv vom Hersteller eingeübt. Als die erste Eisenbahn in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth verkehrte, sorgte ein englischer Experte für den kompetenten Umgang mit der Dampfkraft. Nicht immer war der Hersteller oder ein Repräsentant für Rückfragen zu erreichen. Durch die industrielle Massenproduktion von technischen Gütern waren die Produzenten gezwungen, neue didaktische Wege zu beschreiten. Die Anleitung wurde zum Massenmedium: Disperses Publikum, zeitlich versetzte und nicht örtlich gebundene Konsumption der Waren und Rezeption der Beilagen wurden für diese Produkte immer mehr die Regel. Aus heutiger Sicht lassen sich weitere entscheidende Einflüsse bei der Dynamik der Verbreitung und Gestaltung ausmachen. Eine besondere Notlage im Anlernen von Arbeitskräften ist als Meilenstein zu betrachten. Der Siemens-Angestellte und Hobby-Historiker Walter Ganz berichtet: "Wir bekamen schon zu Anfang der sechziger Jahre Betriebsanleitungen von USA-Firmen. Diese haben wir sorgfältig studiert und festgestellt, daß wesentlich genauere Angaben mit sehr vielen Bildern gemacht wurden. Für uns fast selbstverständliche Dinge wurden dort sehr genau erläutert. Nun ist das auch darauf zurückzuführen, daß während des Zweiten Weltkrieges die Rüstungsproduktion in den USA sehr stark angekurbelt wurde, und daß man mit angelernten Arbeitskräften auskommen mußte. Diese hatten nicht jene gründliche handwerkliche Ausbildung wie bei uns, sondern sie mußten nach Vorschrift, nach Anleitungen arbeiten. Um Fehler zu vermeiden, wurden damals in den USA sehr ausführliche Arbeitsanweisungen für jeden Arbeitsplatz erstellt, mit zahlreichen Abbildungen, die mehr oder weniger fast jeden Handgriff genau zeigten, vor Gefahren warnten und auf mögliche Fehler hinwiesen. Das galt nicht nur für die Herstellung von Teilen im Werk, sondern auch für die Montage innerhalb und außerhalb des Werkes. Auf diese Erscheinung ist es zurückzuführen, daß die Anleitungen so ausführlich geworden sind. Da sie sich bewährt hatten, wurde das beibehalten." Ein weiterer Bedarf an Gebrauchsanleitungstexten löste die fortschreitende Elektrifizierung der Städte und privaten Wohnungen aus und die damit einher gehende Ausstattung der Haushalte mit Elektrogeräten: Kühlschrank, Waschmaschine und elektrischer Herd in der Küche, Radio Plattenspieler und Telefon in der Wohnstube. Damit mußte auch eine neue Zielgruppe medial erschlossen werden: Der technische Laie, der neue Anforderungen an die Autoren von Instruktionstexten stellt. Nicht nur die Probleme der Vermittlung sind dabei zu beachten, sondern auch das Problem der Haftung und der Verantwortung bei fehlerhaften Anleitungen stellt sich und muß gelöst werden. Seit geraumer Zeit machen sich Juristen Gedanken darüber, was eine Gebrauchsanleitung ist. Erstmals formuliert ist es im "Gesetz über die Haftung für fehlerhafte Produkte" (Produkthaftungsgesetz) das seit dem 1. Januar 1990 in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft ist und sich auf europäische Normen bezieht: a) seiner Darbietung, b) des Gebrauchs, mit dem billigerweise gerechnet werden kann, c) des Zeitpunktes, in dem es in den Verkehr gebracht wurde, berechtigterweise gerechnet werden kann." (Begriff. Unter Produkthaftung versteht man die Haftung für Folgeschäden aus der Benutzung seiner Produkte und zwar für Personen- und Sachschaden grundsätzlich außerhalb der Fehlerhaftigkeit des Produktes, die der bestimmungsgemäße Verbraucher oder sonstige Personen infolge eines Fehlers des Erzeugnisses erleiden. In Abgrenzung zur vertraglichen Gewährleistung geht es um das Einstehen des Herstellers für Personen und Eigentum infolge fehlender Sicherheit des Produktes, also um das Integritätsinteresse. Polandt: Bürgerliches Gesetzbuch, München 1991, S. 2527) 1. die Eigenschaften des Produkts einschließlich seiner Zusammensetzung, Verpackung, der Anleitungen für seinen Zusammenbau und der Wartung, 2. seine Einwirkung auf andere Produkte, soweit seine Verwendung mit anderen Produkten zusammen zu erwarten ist, 3. seine Darbietung, Aufmachung im Handel, Kennzeichnung, die Anweisungen für seinen Gebrauch und seine Beseitigung sowie die sonstigen Angaben oder Informationen durch den Hersteller, 4. besondere Verbrauchergruppen, die bei der Verwendung des Produkts einer größeren Gefährdung ausgesetzt sind als andere, besonders Kinder." (Gesetz zur Regelung der Sicherheitsanforderungen an Produkte und zum Schutz der CE-Kennzeichnung, Produktsicherheitsgesetz - ProdSG) Bei der Betrachtung der Gebrauchsanleitung als Kommunikationsprozeß gibt es jedoch noch zwei Seiten, die bislang noch keine Berücksichtigung gefunden haben. Da ist zum einen der technische Redakteur, der mit all seiner Erfahrung und bisweilen mehr schlecht als recht sein Wissen über ein Artefakt niederlegt und da ist zum anderen der Nutzer dieser Information, der technische Laie, der mit wenig Erfahrung und bisweilen mehr schlecht als recht sein Wissen über ein Artefakt zu erweitern sucht. Daß beide Seiten des Kommunikationsprozesses sich in der Gebrauchsanleitung auffinden lassen, ist nachweisbar. Darum greifen Definitionen, die diese Seiten ungenügend reflektieren, zu kurz. Der Kommunikator hinterläßt seine Spuren manchmal explizit, manchmal mehr subtil. Je nach Epoche findet er einen anderen Stil. Der jeweilige historische Forschungsansatz muß Antworten finden. Was interessiert, ist die Rolle, die sich der Kommunikator selbst zuschreibt. Wie taucht er in der Anleitung zum Telefonieren auf? Mit welchem Selbstverständnis erteilt er Instruktionen? Als Quelle dient die Anleitung selbst oder es gibt Hinterlassenschaften in Aktenbeständen, in denen die Verfasser idealerweise ihre Gedanken, Zweifel und Motivationen niedergelegt haben. Zudem bietet die Methode der "oral history" Zugänge in Form der Befragung von Verantwortlichen und Ausführenden. Wenn man über die Intention des Kommunikators nachdenkt, darf auch sein ökonomisches Interesse nicht vergessen werden. Immerhin kann die Anleitung als Wettbewerbsvorteil im After-Sales-Bereich genutzt werden. Denn nur die Anleitung ist noch bei dem Kunden, wenn der Verkäufer keine Argumente mehr nachlegen kann. Die Betreuung nach dem Kauf ist gerade bei teuren Prestigegütern von besonderem Interesse, denn die Nachkaufreue, die Frage: "Habe ich auch das richtige Produkt erworben?" quält so manchen, der sich zwischen zwei Produkten entscheiden mußte. "Wir gratulieren Ihnen zum Kauf Ihres neuen XY" steht immer wieder mal auf der ersten Seite der Anleitung und bezieht genau diesen Aspekt ins Kalkül. Die Kaufentscheidung soll bestätigt werden. Wenn der Rest des Textes dann Zweifel aufkommen läßt, war die Vorrede vergebens. Ein anderes Problem konkurrierender Hersteller ist die Wichtigkeit des ersten emotionalen Eindruckes, der über den weiteren Umgang mit dem Gerät entscheidet. Vermittelt eine Anleitung Unübersichtlichkeit, undurchdringliche Fülle und unvermittelbare Komplexität kann sich dieser Eindruck schnell auf das Gerät übertragen. Der Kommunikator muß die Interessen des Rezipienten in die Endverbraucherdokumentation einbeziehen. Der Adressat einer Gebrauchsanleitung ist der Nutzer des beschriebenen Gerätes: der technische Laie, der mit Hilfe der schriftlichen Anleitung in die Lage versetzt werden soll, Technik zu handhaben. Auch er hat im Laufe der Geschichte viele Veränderungen erfahren, eine gravierende etwa in der unterschiedlichen Leseerfahrung, der Schulausbildung oder im alltäglichen Technikumgang. Es geht dabei weniger um den realen, empirischen Adressaten. Darüber gibt es zu wenig Erkenntnisse, besonders, da es sich bei der historischen Analyse um vergangenes Verhalten und vergangene Einstellungen handelt. Selbst wenn vereinzelt Reaktionen und Meinungsäußerungen zu finden sind, für eine systematische Beschreibung sind die Daten in aller Regel nicht repräsentativ. Was dem Nachdenken und der Forschung bleibt, ist der intendierte Adressat, der implizite Leser, so wie er in der Vorstellung des Kommunikators existiert und wie er in den Texten und Abbildungen repräsentiert ist. Wen hatte er im Sinn, als er ihm ein Artefakt und eine Anleitung zum Gebrauch übergab? Er gab ihm den Apparat und Hinweise, wie er ihn zu gebrauchen habe. So erscheint der Mensch in dreifacher Form in den Anleitungstexten: Er kommt vor als FAdressat, Subjekt und Objekt. Er ist angesprochen, er soll handeln und erdulden. Dabei erfährt der Leser nicht nur etwas über Technik, etwa welche Knöpfe und Schalter mit welchen Konsequenzen zu drücken sind. Am Beispiel der Anleitung zum Telefon seien weitere Kompetenzen dargestellt: "Legen Sie den Hörer nach dem Gesprächsende richtig auf ..., damit die Entgeltzahlung beendet wird."(Telefonbuch 1997/98 für Berlin, S. 14. Der offensichtliche Druckfehler ist im Zitat enthalten, denn nicht Zahlung, sondern Zählung ist gemeint. Auch das ist ein Problem, das sich thematisieren ließe, nämlich die Übertragungsfehler, die dadurch entstehen, daß lediglich eine gedruckte Vorlage für eine Neufassung zu Grunde liegt, gleichgültig ob eine mißglücke Übersetzung zugrunde liegt oder wie hier ein Fehler beim Abschreiben der Vorlage aus der Anleitung aus dem Telefonbuch des Vorjahres.) Motivation und Begründung für eine einfache Handbewegung sind ökonomisch. Der Leser erfährt nicht, woran er erkennt, daß der Hörer richtig aufgelegt ist, sondern er erfährt die finanziellen Konsequenzen der nicht korrekten Ausführung. Soziales Verhalten lernt man immer dann, wenn es willkürliche Festlegungen von Verhalten gibt oder wenn mehrere Interaktionspartner auf ein gemeinsames Verhalten festgelegt werden. Die Geschäftszeiten des Vermittlungsbetriebes zum Anfang der Telefongeschichte ist ein Beispiel, die willkürliche Definition der Modellwörter in der Buchstabiertafel ein anderes. Wenn Bedingungen aus der Natur und der Umwelt - wie etwa die Umweltverträglichkeit von Stoffen - zu berücksichtigen sind, erfährt der Leser eine ökologische Kompetenz. Unter diese Kategorie ist die Warnung zu subsumieren, die auch heute noch im Telefonbuch unter "Sonstiges" zu finden ist: "Die Benutzung des Telefons geschieht auf eigene Gefahr." (Ebd. S. 11) Verbreitet sind auch häufiger Hinweise zur umweltfreundlichen Endlagerung des Gerätes, wenn es aus der Benutzung endgültig ausscheidet. Schließlich finden sich mitunter juristische Hinweise in den Gebrauchsanleitungen. Auch die Gewitter-Warnung kann dazugezählt werden, denn hier ist ein Ausschluß der Verantwortung des Betreibers bei einem Naturereignis niedergelegt. Mittlerweile ist dies aufgrund der gesetzlichen Vorgaben eine wichtige Funktion der Gebrauchsanleitung. Sie umschreibt mit juristischen Begriffen den bestimmungsgemäßen Gebrauch und schließt Haftung des Herstellers, Vertreibers und Händlers aus. Nur selten sind juristische Hinweise explizit, wie in folgenden Fällen: "Es ist unvorteilhaft und verboten, das Flackerzeichen zu geben, um ein Gespräch zu beenden und sogleich eine andere Verbindung zu verlangen." (Telefonbuch 1924 für Berlin) Oder deutlicher in der Kombination von sozialer und juristischer Begründung: "Bei Anruf ist die Kurbel langsam einmal herumzudrehen. Mehrmaliges schnelles Drehen kann zu Beschädigungen der Beamten und zu Ersatzansprüchen gegen die Theilnehmer führen." (Telefonbuch April 1902 für Berlin) Ein weiteres Problem ist damit noch nicht angesprochen: Bei den bisherigen Definitionsversuchen war der Inhalt der Texte Grundlage. Damit beschreiben sie eher die Idealform der Textsorte. Sie beschreiben, was sein soll, nicht das, was ist. Normative Wünsche stehen für Beobachtungen. So besagt ein Spruch aus der Beschreibungsszene: "Nachdem ich das Gerät verstehe, kapiere ich endlich die Anleitung." Nicht nur die Witze, die man über Anleitungen macht, auch die empirischen Arbeiten zum Verstehen der Technikerläuterungen bestätigen, daß die Benutzer oft ratlos vor den Texten und Abbildungen sitzen. Offensichtlich gibt es einen Widerspruch zwischen den Absichten des Verfassers einer Anleitung und dem, was der Rezipient versteht. Diese Diskrepanz scheint den Texten immanent zu sein. Die Kontextabhängigkeit von Kommunikation und Verstehen sei an einem Beispiel demonstriert: Der Ausruf "Mutter! Salz!" ist nur im Zusammenhang der Situation zu decodieren und bieten ohne diesen Verweis die Möglichkeit einer Vielzahl von Mißverständnissen. Es könnte sich um die Aufzählung und um das Verlangen nach zwei Dingen handeln. Wobei das Gegenstück zu einer Schraube in einer Eisenwarenhandlung und Salz in einem Chemielabor als Allgemeinbegriff zu unspezifisch sein können und erst durch Nachfrage konkretisiert werden können. Oder der erste Teil des Ausrufes spricht eine Person in Hörweite an, die den Auftrag erhält, Salz zu beschaffen. Wenn weibliche Personen, die den Begriff auf sich beziehen, anwesend sind, müssen diese entscheiden, welche gemeint ist. Ob leibliche oder Adoptivmutter oder gar Mutter Oberin muß aus der Situation - einem erklärenden Fingerzeig oder Blick - erschlossen werden. Nicht weniger vielfältig ist der Schrei nach Salz. Geht es ums Frühstücksei, um das Nachfüllen einer Spülmaschine oder bei Neuschnee und das Streuen vom Gehwegen. Man entschuldige mir die ökologisch unkorrekte Verwendungsweise, aber als Beispiel ist die Verwendung unbedenklich. Es geht also nicht nur um Objekte, sondern auch um das, was diese an Vereinbarungen, Emotionen und sonstige Deutungen implizit mit tragen. Damit ist ein weiteres Feld für Mißverständnisse aufgezeigt, denn Form, Menge und Darreichungsform von Salz sind auch kulturabhängig. Der Adressat der Botschaft muß nämlich wissen, wie man normalerweise mit dem Objekt umgeht. Damit erfolgt ein Verweis auf das allgemeine Hintergrundwissen. Gemeint ist damit die Möglichkeit zu kommunizieren, ohne ständig bekanntes Wissen zu zitieren, das, was wir bisweilen bereits als Kinder lernen und das durch kulturelle Kommunikation ständig revidiert und erweitert wird. Es geht um ein Wissen, das so selbstverständlich scheint, daß es nicht einmal im Lexikon verzeichnet ist. Zentral sind für Handeln und Verstehen im Zusammenhang mit Technik auch Situation und Kultur, also Umstände, die in der medial fixierten Form der Technikdarbietung schwer zu vermitteln sind und allzu oft unterschlagen werden. Der Kommunikator muß entscheiden, was dem Rezipienten an Hintergrundwissen mitzuteilen ist. Unterschiedliche Kulturen, ja unterschiedliche Welten begegnen sich. In Seminaren, die in Technikdokumentation einführen, machen sich die Dozenten den Spaß, die Teilnehmer beschreiben zu lassen, wie man ein Streichholz aus einer Schachtel nimmt und es anzündet. Ein Vorgang, der eigentlich keiner Beschreibung bedarf, wird zum Problem. Offenbar fällt es dem Beschreiber schwer, alltägliches Verhalten adäquat zu fixieren und didaktisch aufzubereiten. "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen", schreibt Ludwig Wittgenstein und es ist zu ergänzen: "Die Welt des Technikers ist eine andere als die des Laien". In der Welt des Technikers sind Schrauben und Muttern alltägliche Gegenstände, die keiner besonderen Erklärung bedürfen. In der Welt des Laien sind Knöpfe und Schalter und das, was man normalerweise damit macht, nicht immer bedingungslos vorauszusetzen. Die Beschreibung und Handlungsanweisung in Bezug auf Technik ist damit zentral ein Darstellungs- und Vermittlungsproblem. Eine gültige Definition der Gebrauchsanleitung muß diesen Umstand mit bedenken. Denn die bloße Aussage, daß die medialen Fixierungen den Umgang mit Technik beschreiben, unterschlägt das Scheitern. Erkennbar ist mitunter das Bemühen des Redakteurs in einen didaktischen Diskurs mit dem Leser zu treten. Er wählt die Informationen aus, bereitet sie so auf, wie er es für angebracht hält. Nicht alles ist beschrieben, nicht bei "Adam und Eva" wird angefangen, nicht die Grundlagen der Technik erklärt, sondern unter vielen Voraussetzungen beschreiben technisch gebildete Autoren einem technisch ungebildeten Publikum Dinge, die sie für wichtig und neu halten. Sie ergänzen dabei das vermeintliche Wissen um aktuelle Aspekte. Doch woher soll ein Technikautor wissen, was sein Publikum nicht weiß? Er ahnt es nicht einmal. Auf sich gestellt, stellt er Vermutungen an. Er macht sich und sein Wissen mitunter zum Maßstab. Gebrauchsanleitungen erkennt man allzu oft - und das wird auch die historische Betrachtung belegen - die geistige Verfassung ihrer Urheber an. Deren Ausbildung und deren Vorstellung über Technik fließt ein in Formulierung und Gestaltung. Diese ist in der Regel nicht identisch mit dem Bewußtsein der Käufer und Nutzer technischer Geräte. Das Problem ist prinzipiell. Befragungen, Tests oder formative Evaluationen helfen nur bedingt weiter. Denn die Unwissenheit des Nutzers ist nicht zu spezifizieren. Sie richtet sich immer seltener nach soziologischen Einteilungen wie Geschlecht, Bildung oder Alter. Mentale Modelle beim Lernen und Mapping bei der Technikaneignung sind individuell verschieden. Einzig die technische Vorbildung und eine allgemeine Haltung zur Technik scheinen eine Rolle zu spielen. Der Ruf der Dokumentationspraktiker nach einer wissenschaftlichen Beschreibung der Zielgruppe läßt sich nicht in Fragestellungen umsetzen, da beim Verstehen und Umgang mit Technik eher individuelle als demoskopische Unterschiede entscheiden. Unter diesem Aspekt stellt sich die Geschichte der Gebrauchsanleitung dar als der ständige und bisweilen vergebliche Versuch, Technik einem Laienpublikum verständlich zu machen. An der Verbreitung von Telefon, Rundfunk, TV und Computer ist zu erkennen, daß dieses Vorhaben offensichtlich nicht fehlschlägt, wegen oder trotz der Anleitung. Die technische Bildung weitet sich kontinuierlich aus auf eine Vielzahl von neuen, verbesserten Geräten mit immer umfangreicheren Funktionen zum privaten und beruflichen Gebrauch. Die Anleitung hat die Rolle einer Landkarte im Nebel: Sie hilft zwar nicht viel, aber ohne sie wäre man völlig verloren. Das Problem bleibt prinzipiell. Sprache ist nicht entstanden, um die Welt zu beschreiben. Wir sind keine Bienen, die durch ihren Tanz Richtung, Entfernung und Qualität der Nahrungsquelle mitteilen. Wir reden am meisten und am liebsten über uns selbst oder über andere. Dafür ist unsere Sprache entstanden und unser Gehirn gemacht. Weder Logik noch Mechanik gehen uns leicht und ohne Mühen von der Hand, während uns Klatsch und Tratsch leicht von der Zunge geht. Wir drücken unsere Gefühle aus und weinen und lachen mit anderen. Wir interessieren uns für Menschen, nicht für Maschinen. Diese sind höchstens Mittel zum Zweck. Diesen Umstand vergessen viele Anleitungen, beziehungsweise die, die für die Formulierungen verantwortlich sind. Weder Verwendungszusammenhang oder Emotionen, noch Identifikationen kommen zur Sprache. Robert Pirsig drückt es in seinem Roman ,Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" so aus, wenn er über Handbücher spricht: Das zweite ist, daß der Betrachter fehlt. In der Beschreibung wird verschwiegen, daß man, um einen Kolben zu sehen, erst den Zylinderkopf abnehmen muß. >Sie< tauchen nirgendwo auf. Selbst der Fahrer ist so etwas wie ein individualitätsloser Roboter, der die Maschine auf völlig mechanische Weise >bedient<. Es kommen in dieser Beschreibung keine echte Personen vor, keine Subjekte. Lediglich Objekte, die unabhängig von jeglichen Betrachtern existieren. Das dritte ist, daß die Wörter >gut< und >schlecht< mit allen ihren Synonymen völlig fehlen. Werturteile werden niemals geäußert, nur Fakten festgestellt." (ebd. S. 79f.) Die Geschichte der Gebrauchsanleitung als eine Geschichte des Scheiterns zu schreiben, ist ebenso falsch. Es ist aber die Geschichte des bisweilen gelungenen und bisweilen mißlungenen Versuchs, die Erklärung stetig an ständig wechselnde Bedürfnisse und sich änderndes Wissen anzupassen. Technikdokumentation reflektiert nicht den Stand des Wissens über Technik, wohl aber den Stand der Urteile und Vorurteile darüber. Die Definition muß um den Kommunikationsprozeß erweitert werden. Eine vorläufige Umschreibung könnte damit lauten: In einer Gebrauchsanleitung ist das an Informationen medial fixiert, was ein Kommunikator glaubt, was einem Rezipienten beim Umgang eines (technischen) Gerätes an Wissen für den Umgang fehlt. Damit gehören zu einer neuen Definition dessen, was eine Gebrauchsanleitung ist und was sie von anderen Texten unterscheidet, unabdingbar die vier Elemente:
Gebrauchsanleitungen sind ein Thema, zu dem jeder und jede eigene Erfahrungen beisteuern kann. Das Zustimmung heischende Gejammer über das Übel der schlechten Instruktionstexte, das einmal in kulturpessimistischer Untergangsstimmung und technikfeindlicher Stimmung daherkommt und ein anderes Mal pauschal über einen Berufsstand herzieht, der gerade erst im Begriff ist, Standards und Erfahrungen zu entwickeln, darf dabei nicht die Grundlage für die weitere Beschäftigung mit dem Thema sein. Kompetente und fundierte Auseinandersetzungen sind gefragt und dieser Band soll ein Beitrag dazu leisten. Die Leser möchte ich einladen, sich an der weiteren Diskussion zu beteiligen, die offenbar einsetzt. |