| Das Museum für Post und
Kommunikation und die Medienberater der TU Berlin präsentieren: |
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| Das Konzept der Ausstellung
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Sicher, bisweilen erklärt sich Technik selbst, oder man lernt sie wie
selbstverständlich, wie im Fall eines Kindes, das telefoniert, bevor es
sprechen kann. Bisweilen sind Einführungen in die Technik hingegen unumgänglich.
Dann stehen Gebrauchsanleitungen an zentraler Stelle der Technikvermittlung. Sie
sind der Berührungspunkt, wo Mensch und Technik sich treffen, jedesmal neu
und immer wieder: sei es eine Nähmaschine oder eine Rechenanlage, sei es
ein batteriebetriebenes Transistorradio oder eine 10.000-Volt-Schaltanlage für
ein Kraftwerk oder das Kommunikationsmittel Telefon. Überall und jedesmal
steht nach dem Auspacken und vor der Inbetriebnahme der Blick in die obligat
beiliegende Gebrauchsanleitung.
Die Geschichte der Technik, ihrer Erfindungen und Entdeckungen, ihre Anwendungen und ihre sozialen Auswirkungen sind seit langem thematisiert, doch die Nahtstelle, der Punkt der Berührung von Mensch und Technik, der Vermittlung von Technik durch schriftliche Zeugnisse, ist nicht dokumentiert. Vereinzelt finden sich alte Gebrauchsanleitungen. Weniges ist erhalten, mehr zufällig als systematisch, als Zeugnis der Begegnung einer seltsamen Art, der Begegnung zwischen Mensch und Maschine. Über die Entstehung dieser Zeugnisse wissen wir jedoch nichts. Nichts ist zu finden, was zu einer Geschichte der Gebrauchsanleitung beitragen könnte. Kaum etwas ist in den Firmenarchiven zu finden. Selbst in den Museen gibt es fast nichts. Dieser Bereich der Technikgeschichte scheint nicht zu existieren. Noch nicht. So ist es keineswegs erstaunlich, die Geschichte der Technischen Dokumentation aufzuzeigen. Vielmehr ist es erstaunlich, daß sich bislang noch niemand darum bemüht hat. Die Ausgangslage ist schwierig: Die Arbeit derjenigen, die Gebrauchsanleitungen schrieben, ist weitgehend verschollen, die Spuren sind rar. Die Suche nach Indizien beginnt gerade erst. Und als einen Beginn versteht sich auch die Ausstellung "Erst lesen - dann einschalten". Kein fertiges Konzept, keine umfassende Darstellung und keine einteilenden Theorien sind zu erwarten, sondern eine Sammlung, die sich erstmals bemüht, Licht in die Vergangenheit der Technikdokumentation zu bringen. Wo beginnt sie? Welche Wendepunkte sind auszumachen? Welche Einflüsse spielen eine Rolle? Beginnt die Geschichte bei den alten Ägyptern, die eine hohe technische Kultur und eine entwickelte Schriftsprache hatten? Denn immerhin sind dies zwei Grundbedingungen für Technikdokumentation. Tatsächlich finden sich erste Spuren. Oder ist im Römischen Reich der Ursprung zu finden? Dafür spräche ein gut ausgebautes Kommunikationsnetz, das in der Lage war, Nachrichten zu fixieren und über weite Strecken zu transportieren. Schließlich finden sich weitere Indizien im ausgehenden Mittelalter, als das technische Wissen aufgeschrieben wurde, um es an anderer Stelle umzusetzen. Die Blüte der technischen Zeichnung fällt ebenfalls etwa in diese Zeit und ist mit dem Namen Leonardo Da Vinci verbunden. Er ist zwar heute bekannter durch das geheimnisvolle Lächeln seiner Mona Lisa, sein schaffensreiches Werk wird jedoch von Zeichnungen dominiert, die allerlei Kriegsgerät, Flugmaschinen, Hebevorrichtungen und andere Erfindungen darstellen. Dabei finden sich bereits viele Elemente moderner Anleitungen: Bild-Text-Bezüge durch Referenzbuchstaben, Detailvergrößerungen, perspektivisch korrekte Darstellungen und Querschnitte, ja sogar Explosionszeichnungen. Soweit die Vorläufer dessen, was wir heutzutage als Gebrauchsanleitung identifizieren. Das am besten dokumentierte Beispiel - darum steht es auch im Mittelpunkt der Ausstellung - ist die Anleitung zum Telefonieren. Seit 1881 gibt es das Telefon in Deutschland und seit dieser Zeit ist es im Telefonbuch beschrieben. Das Besondere und Außergewöhnliche daran ist, daß die Anleitung von Ausgabe zu Ausgabe immer wieder verändert wird, obgleich sich der Gegenstand der Beschreibung kaum verändert hat. Nur eine wesentliche Änderung, der Übergang von der Amtsvermittlung hin zum Selbstwählbetrieb, ist technisch gravierend, dennoch wird die Anleitung immer wieder umgeschrieben. An diesem Beispiel läßt sich exemplarisch nachvollziehen, welchen Einflüssen die Instruktionen zum Telefonieren ausgesetzt sind: der preußische Befehlston der Kaiserzeit, dadaistische Gestaltungen in den 20er Jahren, tayloristische Optimierungen der Zahlenaussprache oder die Arisierung der Buchstabiertafel im Jahre 1933 sind einige Beispiele für Einflüsse und Veränderungen, die nicht technisch zu begründen sind. Schließlich kann man die Anleitungen aus den Telefonbüchern der DDR mit denen der Bundesrepublik vergleichen, und man wird feststellen, daß es bedeutsame Unterschiede gibt, die ideologisch abzuleiten sind. Schließlich sollte man sich Telefonbücher der ganzen Welt anschauen um festzustellen, wieviel kultureller Hintergrund in der Anleitung zum Telefonieren steckt. Andere Bereiche dokumentieren die Veränderungen des Alltagslebens durch die aufkommende Technisierung des Haushalts in der Nachkriegszeit. Anhand der Gebrauchsanweisungen für Kühlschränke, Waschmaschinen oder Staubsauger läßt sich skizzieren, welches Bild man sich in jenen Tagen von der Hausfrau machte, die in den Anleitungen vom Fabrikanten meist auch direkt als solche angesprochen wird. Geht es dagegen um die technische Wartung der Geräte, wird auf den Ehemann verwiesen. Wenn man sich mit dem Thema befaßt, hat man manchmal den Eindruck, Gebrauchsanleitungen gibt es immer und überall. Sie sind im Alltag kaum noch wegzudenken. Selbst Kinderspielzeug enthält kleine Comic-Geschichten für kleine Analphabeten, die den Zusammenbau von Einzelteilen erklären. Nach dem Auspacken und vor dem Gebrauch von Technik stellen die meisten Hersteller erst einmal die Mühe, die beiliegende Anleitung zu entziffern und die Bilder zu deuten. So sind weitere Felder abzustecken und nach den Zielgruppen zu suchen. Unterscheiden sich die Anleitungen für Haushaltsgeräte von denen, die für Autofahrer geschrieben sind? Unterscheiden sich Anleitungen, die Radios und Fernsehern beiliegen, von denen, die die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs beschreiben? Endgültige Antworten wird die Ausstellung nicht geben können,
sondern das Erlebnis, sich mit einem Gegenstand zu befassen, den zwar jeder
kennt, über den man sich aber selten Gedanken macht. Die Ausstellung soll
Anregungen geben, über Anleitungen neu nachzudenken, und man wird neu
nachdenken müssen, wenn man die Zukunft betrachtet, die zunehmend Technik
einsetzen wird, die man ohne Gebrauchsanweisung nicht verstehen kann. | |||
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