Technical Writing gibt es an der Technischen Universität Berlin seit vielen Jahren. Es ist ein Lehrangebot, das von Semester zu Semester mehr junge Leute anzieht, nicht nur zukunftslose Lehrer und Sozialpädagogen, sondern auch Informatik-Studenten, die schon mit ein bißchen Prorgammierkunst im PC-Handel abkassieren können. Dabei sind auch Maschinenbauer, Elektrotechniker und Naturwissenschaftler. Sie inszenieren Benutzertests, machen Experteninterviews und Schwachstellenanalysen für ihre Teilnahme- und Leistungsscheine, Praxisprojekte und Diplomarbeiten, und einige promovieren sogar mit Themen der Technikdokumentation zum Dr. phil, was studentenneidische Althistoriker und Altphilologen gerne als Beitrag zum Untergang des Abendlandes beklagen.
Es gab wahrscheinlich keinen einzigen Tag im 20. Jahrhundert, an dem Techniker und Ingenieure uns nicht mit irgendeiner neuen Erfindung überraschten: mit einem neuen Werkstoff oder einer neuen Mutter, die irgend etwas zusammenhalten sollte - zu Hause, im Freien, im Büro oder in der Fabrikhalle. Ihre Ideenflut war und ist beunruhigend, am schlimmsten sind Techniker und Ingenieure freilich, wenn sie ihre Maschinen beschreiben, Montage- und Bedienungsanweisungen geben, Wartungen und Reparaturen anleiten. Es gibt kaum einen Provinzjournalisten, der noch nicht vor solchen Beipackzetteln gewarnt hat. Aber der Beschreibungsingenieur ist keine Erfindung des zu Ende gehenden Jahrhunderts. Auch keine des neunzehnten. Technikautoren, wortreiche Erfinder gibt es schon lange vor der Industrialisierung Deutschlands. In der Industrie sind sie bekannt, die Technikautoren und Schriftsteller-Ingenieure, nicht aber im Literatur- und Medienbetrieb, für den sie einfach nicht existent sind. Wer kennt schon die zahlreichen Postbeamten, die seit 1881 den Berlinern erklären, was sie tun müssen, damit ihr Telefon funktioniert. Umgekehrt gibt es berühmte Schriftsteller, von denen kaum jemand in der Industrie weiß, daß sie auch Ingenieure waren. Max Frisch besaß ein Architektenbüro in Zürich und gewann den ersten Preis im Wettbewerb für das Züricher Volksbad. Robert Musil studierte Maschinenbau und konstruierte den nach ihm benannten Farbvariationskreisel für optische Experimente. Und wer im Werkzeugmaschinenbau weiß schon, daß sich der berühmte Franz Kafka mit Holzhobelmaschinen beschäftigte. Mit einer von ihm verfaßten "Unfallverhütungsmaßregel" warnt er vor der Verwendung von Vierkantwellen. Unfallverhütungsregeln verfaßte Franz Kafka auch für Fräsmaschinen, für Steinbrüche, Lehm-, Sand- und Schottergruben, für Häckselschneidemaschinen, Kaminfegearbeiten und für Aufzüge, was stofflich und stilistisch seine Belletristik beeinflußte. Denn der berühmte Dichter war in seinem Hauptberuf Beamter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag.
Verständliche Bedienungsanleitungen und Online-Hilfen kosten sehr viel Geld, so daß falsche Entscheidungen teuer werden. Diese zu vermeiden, versuchen amerikanische Hersteller von der ersten Idee bis zur Auslieferung des Handbuches, und zwar durch die Nachahmung erfolgreicher Vorbilder und durch die Erprobung beim Kunden. An diesen beiden amerikanischen Maximen orientiert sich auch unser Lehr- und Forschungsangebot für Technikautoren und Technikredakteure. Denn Bedienungsanleitungen sind Massenmedien. Hardware- und Softwarebeschreibungen sind keine langweiligen, aber kostspieligen Drucksachen, die man besser unbegabten Konstrukteuren und schlecht bezahlten Werkmeistern überläßt. Ganz im Gegenteil: Kundenhandbücher und Online-Hilfen entstehen im faszinierenden Widerspiel zwischen medienwissenschaftlicher Publikumsforschung und erfolgreichen Vorbildern, und zwar mit dem Ziel, jungen und alten Kunden ohne Zeitvergeudung zu zeigen, wie ein Gerät in Gang gesetzt wird und wie auch der Dümmste damit alles machen kann, was er machen will. Die Studenten lernen im Fach Technical Writing, mit Print- und AV-Medien, mit analogen und digitalen Speicher sofort verständlich zu sprechen. Sie erlernen Dramaturgien, um mit Livemedien wie Internet und Cyberspace einen schnellen Austausch von Instruktionen und Service Informationen zwischen Hersteller und Benutzer zu installieren.
Es gibt TU-Studenten, welche Technical Writing im Rahmen ihrer Wahlfachstunden studieren, und es gibt Studenten, welche sich mit Technical Writing im Studiengang Medienberatung beschäftigen und dabei in nur fünf Semestern die Rolle des Vermittlers zwischen Experten und Laien erlernen. Und die Diplomarbeit, mit der diese ihr Studium abschließen, entsteht meist schon in Verbindung mit dem künftigen Arbeitgeber, für den Schwachstellenanalysen sehr nützlich sind. Die Lehrangebote für diese künftigen Technikredakteure stammen von Praktikern und TU-Wissenschaftlern, die vor vielen Jahren einen Arbeitskreis für technische Dokumentation gründeten und erste Forschungsprojekte für die Firmen AEG, BMW, Braun, Mercedes, Merten, Siemens durchführten.
Initiator war der inzwischen verstorbene Diplom-Ingenieur Aloys Struck, Leiter einer AEG-Beschreibungsabteilung. Er kam auf uns zu mit dem Anliegen, die Situation seines Berufstandes des Technikredakteurs zu verbessern. Er kam zurück zu seiner Alma Mater - er hatte hier an der TU studiert - und suchte Hilfe. Von Anfang an dabei war Carl-Hellmut Wagemann, der seine Erfahrungen aus seinem Forschungsgebiet über das Lehren und Lernen einbringen konnten. Wir betrachteten die Gebrauchsanleitungen als Massenmedien, die wir mit dem Kanon unserer Theorien und Methoden betrachten konnten. Gründungsmitglied war auch der Medienwissenschaftler Siegfried Zielinski, der inzwischen Rektor der Kunsthochschule für Medien in Köln ist. Heute ist Claus Noack in der Ausbildung tätig. Der Leiter der Siemens Software-Dokumentation und Vorsitzende der tekom unterrichtet seit Jahren "Technical Writing ". Ebenso der TU- Medienwissenschaftler Clemens Schwender, der an einer Habilitationschrift zur Evolutionspsychologie der Technikdokumentation sitzt, und auch die Medienwissenschaftlerin Gabriele Bock, die mit einer Arbeit zur Verbesserung der Technikdokumentation promovierte und seit einigen Monaten eine eigene Beratungsfirma betreibt. Alle Jahre wieder ist der Arbeitskreis auch auf der CeBit vertreten.
Bei allen Arbeiten konnten wir von Angang an Studenten und Studentinnen mit einbinden. Nicht nur in Seminar- und Diplomarbeiten schlägt sich die Arbeit nieder. Erwin Gundelsheimer, Heino Maß und Clemens Schwender gründeten bereits 1985 eine Beratergesellschaft, die nicht nur Gutachten für Firmen erstellte, die Probleme mit ihre Technikdokumentation hatten, sondern die Studenten schrieben und gestalten auch selbst Anleitungen.
Die notwendige Grundlagenforschung auf dem Gebiet geht weiter. Derzeit ist eine chinesische Doktorandin dabei, einen interkulturellen Vergleich von Werkstattliteratur anzustellen. Kulturelle Unterschiede bei der Technikbetrachtung sind nämlich bislang noch vernachlässigt worden, werden aber mit zunehmender Globalisierung immer wichtiger.
Für den Herbst 1999 bereitet der Arbeitskeis eine Tagung vor, die sich der Ausbildungssituation der Ausbilder widmen wird. Der Bedarf an technisch gebildeten Redakteuren und schreibfähigen Ingenieuren ist so groß, daß einige Fachhochschulen mittlerweile eigene Studiengänge anbieten. Dennoch gibt es noch keine anerkannten Anforderungsprofile an das Lehrpersonal.
1992 haben Mitglieder das 1. Internationale Symposium zur Technikdokumentation in Berlin und Gotha durchgeführt. Erfahrungen aus Kanada, Großbritannien, Schweden, Niederlande und den USA auf dem Gebiet der Aus- und Weiterbildung konnten ausgewertet werden. 1997 bereitete Clemens Schwender eine Ausstellung für das Museum für Post und Kommunikation vor. Unter dem Titel "Erst lesen - dann einschalten" war eine Kulturgeschichte der Technik-Dokumentation zu sehen. Die Ausstellung kam so gut bei Presse und Publikum an, daß sie von Museen in Nürnberg und Frankfurt übernommen wurde. Und Mitglieder des TU-Arbeitskreises sind die Herausgeber der Buchreihe "Technical Writing". Aus dieser lockeren Vereinigung ging das Fachgebiet Technikdokumentation nach dem Vorbild des amerikanischen Technical Writing hervor.
Und last but not least: Gründungsmitglied des Arbeitskreises ist auch Professor Manfred Krause, dem wir hier für seine praktischen Hilfen und Dikussionsbeiträge danken.