Kursbuch Neue Medien 2000. Ein Reality Check.

Heide Baumann, Clemens Schwender

»Die Metaphysik der Neuen Medien« schlug der Medienwissenschaftler und Grimme-Preisträger Friedrich Knilli vor. Der Ansatz war gut. Es sollte eine Abrechnung werden mit den Gurus der Medienbranche, mit deren Versprechungen, dass mit den Neuen Medien alles besser werde, dass wir die Welt neu erleben und wahrnehmen werden, dass Realität und Virtualität eins sein werden. Den Titel haben wir dann doch nicht übernommen, denn wir wollten den Metaphysikern keine Metaphysik entgegensetzen, sondern Fakten sammeln. Die sind als Argumente geeigneter. Knillis historisch-kritische Art, mit Medien und der Diskussion um die Medien umzugehen, haben wir uns jedoch zu Eigen gemacht. Nicht reinzufallen auf euphorische Heilsverkünder und Glücklichmacher oder auf neu- und altmodische Untergangsneurotiker.

Die Diskussion um Medien ist damit anders zu führen. Das historische Bewusstsein ist bei Medienkritikern heutzutage selten ausgeprägt. Für sie ist vieles neu und erstaunlich, was für theoretisch und historisch Gebildete in alte Schemen passt.

Wenn man beispielsweise nach dem Ursprung von Werbung fragt, bekommt man unterschiedliche Antworten: Junge Menschen verbinden Werbung mit Fernsehen und vermuten, Werbung gäbe es seit den Fünfzigern. Das Fernsehen ist für sie das Fenster zur Welt. Ältere verbinden das Phänomen mit dem Film und vermuten die Jahrhundertwende. Halbgebildete wissen, dass Werbung bereits lange vorher in Printmedien zu finden war. Doch die richtige Antwort ist radikaler: Werbung gibt es seit dem Zeitpunkt, an dem sich die Zweigeschlechtlichkeit in der Biologie durchgesetzt hat. Konkurrenten können sich bekriegen oder ihre Vorzüge ästhetisch anpreisen. Werbung ist also nichts Anderes als die Konkurrenz zwischen Angeboten und der Wahl durch einen Interessierten. Der Begriff Werbung ist durch die Medien so in Beschlag genommen, dass man vergisst, dass sie auch vor den alten und neuen Medien eine Funktion hatte. Die Antworten, die man immer wieder hört, zeigen, dass man vieles mit Medien in Verbindung bringt, was nicht deren Erfindung ist. Ursachen, Symptome und Folgen bilden ein wirres Durcheinander.

Einen Reality Check, das haben wir uns als Aufgabe gestellt, muss ein historisch und theoretisch gebildetes Bewusstsein als Fundament haben. Das ist unser Anspruch. Die Antworten müssen radikal und überzeugend sein. Was ist neu an den Neuen Medien? Manches – nicht Alles. Was kommt auf uns zu? Vieles aber wenig Neues. Was wird sich ändern? Wenig – weniger als so mancher vorhersagt.

Es ist nachzudenken über gängige Definitionen: Medien sind Mittel zur Kommunikation, enger gefasst technische Mittel, mit deren Hilfe wir verbal und visuell Informationen aufnehmen und weitergeben. Funktion eines Mediums ist es, Menschen kommunikativ zu verbinden. Dies betrifft die private Kommunikation zwischen einer Person mit einer anderen. Briefe und Telefon sind Medien der Individualkommunikation. Meist versteht man unter Medien aber Massenmedien, also die Kommunikation eines Senders mit vielen Empfängern. Maletzkes Definition aus dem Jahre 1976 trifft immer noch zu: Bei Massenkommunikation handelt es sich um Aussagen, die »öffentlich durch ein technisches Verbreitungsmittel indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittelt werden.« An dieser Definition hat sich nichts geändert, sie trifft auch zu auf das World Wide Web, selbst wenn es heute unendlich leichter ist, zum Sender zu werden.

Kommunikation ist das wechselseitige Aufnehmen und Senden von Information. Bienen und Schmetterlinge tun es, ja auch Tulpen und Kastanienbäume. Die menschliche Sprache ist nur ein Sonderfall. Und was machen wir mit dieser Sprache? Wir werben – für uns und andere, wir stellen uns gut dar und verbreiten schlechtes über andere.

Lange Zeit glaubte man, Sprache entstand mit der Fähigkeit, Werkzeuge herzustellen. Doch seit man weiß, dass auch Makaken und andere Affenarten die Herstellung und den Umgang mit Werkzeug beherrschen und die Fähigkeiten auch weitergeben können, kann diese Theorie nicht mehr schlüssig sein.

Eine andere Überlegung ging davon aus, dass unsere Sprache im Zusammenhang mit der kooperativen Jagd entstanden sein müsse. Dagegen steht zweierlei: Zum einen jagen auch andere Tiere kooperativ ohne ein solch ausgefeiltes Kommunikationssystem und zweitens warum sollte etwas, was eigentlich leise vonstatten gehen sollte, einen Apparat begünstigen, den man eher als Quasselstrippe bezeichnen kann. Die Ursprünge der menschlichen Form von Sprache und Kommunikation müssen demnach woanders zu suchen sein.

Heute ist es klar: Menschliche Sprache dient dem Klatsch und Tratsch, um sich zu informieren über andere: Wer ist Betrüger? Wer ist kooperativ? Wer ist als Partner verfügbar? Wer hat einen eifersüchtigen Partner? Wer hat was geleistet, das nützlich sein könnte? Wer hat welchen Ruf? Was wissen andere über einen potenziellen Partner? Die Funktion von Sprache besteht in seiner Fähigkeit, Gemeinschaft zu bilden. Das Mittel unter Primaten Zuneigung zu zeigen, ist das gegenseitige Fellkraulen. Der Nachteil ist, dass dieses Verfahren zeitaufwändig ist und dass man immer nur mit einem Partner oder Partnerin kraulen kann. Der Primus unter den Primaten hat seine Sprechwerkzeuge entwickelt. Sprechen hat den Vorteil, dass man es mit mehreren und mit vielen gleichzeitig machen kann. So weit die Stimme trägt. Massenkommunikation ist das Kraulen von vielen.

Wenn es richtig ist, dass sich die menschlichen Kommunikationsformen in den letzten 100.000 Jahren entwickelten, dann kann man verlässlich sagen, dass sich die letzten 100 Jahre daran nichts geändert hat. Aber das ist die Zeitspanne der modernen Medienapparate. Eine umfassende Mediendiskussion muss sich daher eher als Medienarchäologie, denn als Mediengeschichte begreifen. Archäologie meint auch die Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung zu bedenken: Konstruktivismus, Neurophysiologie und Verhaltensforschung sind ebenso wie die technikhistorische Betrachtung feste Bestandteile einer kritischen Medienbetrachtung.

Die Funktion der Kommunikation hat sich nicht geändert durch das Auftreten der Medien. Wir kommunizieren privat mit einer oder mehreren anderen Personen, wir veröffentlichen Meinungen, Wissen und Fakten, wir nehmen teil an der öffentlichen Diskussion. Individualkommunikationsmittel sind Brief, Telefon oder E-Mail. Massenkommunikationsmittel sind Radio, Fernsehen, Druckwaren und World Wide Web. Seit 25.000 Jahren gibt es die Möglichkeit, Kommunikation fest zu halten und anderen zeit- und bisweilen auch ortsunabhängig zugänglich zu machen. Kommunikation fest zu halten kann aber auch aus ganz privaten Gründen geschehen. Sie hilft, angenehme Erinnerungen frischer zu bewahren. Wir wissen nicht, ob die Venus von Willendorf das Kommunikationsmedium zu einer Göttin war oder nur eine frühe Form der handlichen Pornografie. In diesem Zusammenhang überrascht die Aufregung über Cybersex.

Da die Übertragungs- und Speichermedien auch immer Artefakte sind, haben die auch ohne angeschlossen zu sein bereits eine kommunikative Funktion. Sei dienen als Statussymbol. Ob Musik und Sprache aus einem Röhrenempfänger, aus einem Walkman, dem Autoradio, dem Real Audio Player oder aus der heimischen Stereoanlage kommt, ändert an der Funktion nichts. Aber der ästhetische Effekt ist immens. Allein das kleine Etikett »Bang & Olufson« oder der Aufkleber »Kenwood« auf der Heckscheibe verändert das Hörerlebnis.

Etwas hat sich doch geändert seit der Steinzeit. Die Medien sind zunehmend ortsunabhängiger geworden. Die Höhlenmalereien waren an den Ort gebunden. Wer sie sehen wollte, musste kommen. Die Venus von Willendorf hingegen war auch schon tragbar. Elf Zentimeter groß, nur ein paar Gramm schwer, passte sie ins Handgepäck des steinzeitlichen Jägers. Die moderne Venus, das Handy, meldet sich piepsend und vibrierend, bevor man sie in die Hand nimmt.

Vor 6.000 Jahren entwickelte sich aus den Bildern zunächst ein neuartiger Code: Die Schrift. Damit konnten nun komplexere Vorgänge beschrieben werden. Auch sprachliche und gedankliche Besonderheiten, die bildlich nicht darzustellen sind, können vermittelt werden: Fragen, Verneinungen und Möglichkeitsformen. Die zweite Revolution dieses Codes war der Übergang von piktogrammorientierten zu phonetischen Schriftzeichen, da dies das Repertoire der Zeichen ganz wesentlich reduzierte. Weiter entwickelten sich auch die Träger der Informationen. Alles was geeignet war, einen Code zu tragen, wurde genutzt: Stein, Holz, Schiefertafeln, Papyrus, Tierhaut, Papier. Zu der Ära der analog festen Träger gehört schließlich auch die Schallplatte, die Fotografie und der Film. Die Oberfläche wird verändert, sie enthält die Information.

Der Mann, der an der Entwicklung einer Vielzahl der letztgenannten Medien maßgeblich beteiligt war, läutete auch eine neue Ära ein: Alva Edison steuerte Komponenten zur elektronischen Übertragung von Inhalten bei. Sein Mikrofon verbesserte zum Beispiel das Telefon wesentlich. Eingeläutet wurde das elektronische Kommunikationszeitalter allerdings schon früher durch den Telegrafen. Der elektrische Strom und dessen Veränderbarkeit wird genutzt als Träger für Information. Das Kabel – das ist der Unterschied zu den analog festen Trägern – verändert sich nicht durch die Information. Das hat Konsequenzen für die Übertragung. Sie ist nun schneller als der schnellste Bote, so schnell und unmittelbar wie das Licht. Elektromagnetische Wellen können zum Träger werden, ohne selbst getragen zu werden. Bei der Erfindung des Radios glaubte man noch an einen leichten Stoff, der die Wellen weitergibt. Man nannte ihn Äther. Neue Medien entwickelten sich auf der Grundlage der elektronischen Speicherung und Übertragung: Tonband, Radio, Video und Fernsehen.

Der nächste große Schritt in der Kommunikationstechnologie betrifft wiederum den Code. Waren Telefon, Tonband, Rundfunk und Fernsehen noch analog und brauchten ihren eigenen Träger, befreit die Digitalisierung von unterschiedlichen und meist nicht kompatiblen Trägern. Einen Anfang zur Nutzung des digitalen Codes zur Nachrichtenübermittlung findet man übrigens wiederum in der Telegrafie, die Buchstaben in Lang-Kurz-Signale umdefinierte. Das Erlernen des Codes war schwer, der Umgang mit der Technik ebenso. Eingaben und Ausgaben mussten von Menschen interpretiert werden. Erst als diese Aufgabe von Maschinen selbst übernommen werden konnten, brach das Zeitalter der Digitalisierung massenhaft an. Mit der Aufteilung in definierte Ein-Aus-Zustände können neben Buchstaben auch Bild und Ton auf demselben Träger Platz finden – solange Platz ist. Von der Digitalisierung sind alle Medien betroffen: ISDN ersetzt das analoge Telefonsignal, CD die Schallplatte, DAB das Radio, die Digicam den Fotokamera.

Was hat sich dadurch für uns geändert und was wird sich ändern? Viel und Nichts. Jedenfalls nichts, was die Inhalte betrifft. Es mag sein, dass durch die Digitalisierung noch mehr Fernsehprogramme übertragen werden. Doch auch heute schon decken fünf Sender zwei Drittel der Einschaltquoten ab. Daran werden die zukünftigen Spartensender nichts ändern. Was soll das überhaupt mit dem digitalen Fernsehen? Das Einzige was sich ändert, ist der Übertragungsweg. Aber wird dann – Helmut Thoma stellte diese Frage – ein Joghurt, der mit einem Elektroauto gebracht wird, zum Elektro-Joghurt? Dem Zuschauer sei es egal, meinte Thoma weiter, ob das Programm analog, digital oder per Briefbote komme, ihn interessiere allein der Inhalt.

Medien waren auch schon immer vernetzt. Man konnte einen offenen Brief schreiben und das private Medium Brief damit zum Massenmedium machen. Das Gleiche gilt, wenn sich jemand per Telefon in eine Radiosendung einschaltet. Wenn jemand statt einen menschlichen Partner am Telefon zu erreichen, auf den Anrufbeantworter spricht, verbindet er ein Übertragungsmedium mit einem Speichermedium. Beispiele von Medienkombinationen und -übergängen lassen sich noch viele konstruieren. Das gab es schon lange und wird es auch weiterhin geben. Das Internet scheint das Supermedium zu werden, das alle anderen verbindet, zumindest die, die man zuhause nutzt.

David Letterman, der zynische Vertreter des gesunden Menschenverstandes diskutierte bereits 1995 die Veränderungen von Digitalisierung und Internet mit Bill Gates, dem Experten der digitalen Zukunft.

Letterman: Was ist ihre Vision?
Gates: Einen Computer auf jedem Schreibtisch in jedem Zuhause.
Letterman: Ich habe keinen Zuhause oder auf meinem Schreibtisch.
Gates: Da arbeiten wir dran.
...
Letterman: Warum habe ich keinen Computer?
Gates: Wir müssen eine Anwendung für Sie finden. Teil des Problems ist, dass Sie zu viele Assistenten haben.
Letterman: Ich finde es gut, Assistenten zu haben.
Gates: Die sind wie menschliche Computer. Die machen alles für Sie.
Letterman: Richtig.
Gates: Vielleicht sollten Sie denen erlauben, Computer zu haben.
Letterman: Ich glaube, einige von ihnen haben welche. Ich habe noch nicht alle getroffen, aber ich glaube, einige haben welche. – Wie ist das mit dieser Internet-Sache? Wissen Sie etwas darüber?
Gates: Klar.
Letterman: Was zum Teufel ist das genau?
Gates: Nun, es wird zu einem Ort, wo Menschen Informationen veröffentlichen.
Letterman: Genau.
Gates: Jeder kann seine eigene Homepage haben. Unternehmen sind vertreten, die neuesten Informationen. Es ist wild, was da abgeht. Man kann elektronische Post an andere Leute schicken. Das ist jetzt das Neue.
Letterman: Ja, aber, wissen Sie, es ist leicht, etwas zu kritisieren, von dem man nicht wirklich Ahnung hat. Das ist meine Haltung. –
Gates: Nur zu.
Letterman: Vor ein paar Monaten gab es einen Riesenrummel, dass das Internet ein Baseball-Spiel übertragen hat, man könne am Computer ein Baseball-Spiel hören. Und ich dachte: Haben Sie schon mal was von Radio gehört? Wissen Sie, was ich meine?
Gates: Es gibt einen Unterschied.
Letterman: Es gibt einen Unterschied?
Gates: Es ist kein großer Unterschied.
Letterman: Was ist der Unterschied?
Gates: Sie können das Baseball-Spiel hören, wann immer Sie wollen.
Letterman: Aha, ich verstehe. Es ist gespeichert in einem Ihrer Memory-Dinger?
Gates: Genau.
Letterman: Und man kann nach einem Jahr wiederkommen und –
Gates: Das ist der RAM, von dem Sie eben sprachen.
Letterman: – Jaja. Haben Sie schon mal was von Tonband gehört? –So wie Sie mich jetzt ein wenig kennen: Was verpasse ich? Was brauche ich?
Gates: Wenn Sie etwas über die neuesten Zigarren erfahren möchten oder Statistiken über Autorennen oder –
Letterman: Wissen Sie, ich habe das abgedeckt. Ich habe zwei Britische Zeitschriften abboniert, die sich ausschließlich dem Motorsport widmen und ich rufe zweimal alle halbe Stunde die Quaker State Speed Line an [Quaker State ist ein Motorenölhersteller, die Speed Line bietet Informationen über Autorennen]. Also, würde der Computer mir mehr bieten, als ich eh schon bekomme?
Gates: Sie könnten andere Menschen finden mit den selben ungewöhnlichen Interessen wie Sie.
Letterman (zieht ein Gesicht): Sie meinen den Chat-Room für seltsame Einzelgänger im Internet?
...
Letterman: Was verstehen wir heute über Computer, das wir vor 20 Jahren noch nicht erahnen konnten? Gibt es eine andere Ebene? Vielleicht haben wir an so Etwas noch gar nicht gedacht. Vielleicht ist es nicht einmal möglich, vielleicht ein völlig neuer Mechanismus, eine völlig andere Software oder Hardware. Oder sind wir jetzt schon am Ende der Zeit?
Gates: Hauptsächlich arbeiten wir jetzt am Computer als Werkzeug. Ein Werkzeug, das uns hilft, andere zu finden mit den selben Interessen. Schließlich werden wir rauskriegen, wie man Computern das Denken beibringt, aber es stellt sich raus, dass das ein sehr schwieriges Problem ist. In der Tat gibt es hier nahezu keine Fortschritte. Darum weiß noch niemand, was passiert. Manche glauben, das passiert nie.
Letterman: Wir wollen nicht, dass sie denken, oder? Nicht wirklich.

Kein Wunder, dass die KI-Forscher Probleme haben. Es ist schon ein Kreuz mit dem Denken. Es ist nämlich mehr als eine Ansammlung von Weltwissen plus Algorithmen. Es gibt so viele Wirklichkeiten wie beobachtende Systeme, keine objektivierbare ontologische Realität und doch haben wir den Eindruck, wir lebten alle in ein und derselben Wirklichkeit. Dabei spielen wir alle Avatare (früher nannte man es Rollen): Der Vater erlaubt dem minderjährigen Sohn, was er der pubertierenden Tochter verbietet, er ist gleichzeitig Liebhaber für die Frau und Dosenöffner für den Hund. Nur manchmal wird das Rollenspiel bewusst. Zu Fasching setzten wir uns eine rote Nase auf und erleben eine andere Wirklichkeit. Avatare sind dann nicht anderes als digitale Nasen. Homo homini avatarus est.

Wirklichkeit ist ein relativer Begriff. Darum bekommen moderne Medientheoretiker Probleme, wenn sie Virtuelles und Reales unterscheiden wollen und es wird noch schlimmer, wenn sie beides prognostisch zusammenfügen. Hilflos wird es, wenn sie dann von der realen Welt sprechen oder von wirklichen Realität. »RL [reales Leben] ist nur ein Fenster unter vielen und meistens nicht mein bestes.«

Trotz allem, was derzeit möglich ist und in der Zukunft möglich sein könnte: Die Funktionen der Medien bleiben auch im Internet unverändert erhalten: Individualkommunikation wird betrieben über E-Mail, Chat oder Internet-Telefonie, Massenkommunikation über die Angebote des World Wide Web. Per Push und Pull können Texte, Töne, Bilder und Videos an ein disperses Publikum verbreitet werden. Alles nichts Neues.

Medien verbinden Individuen kommunikativ. Kommunikation bildet Gruppen, von Klatsch und Tratsch-Gemeinschaften bis zu Nationen. Die Nazis nutzten das Radio als Propagandainstrument, in den Vereinigten Staaten waren Medien von Beginn an privat organisiert und finanzierten sich über Werbung. Fernsehen ist ebenso ein Medium der Demokratie wie der Diktatur. Die Medien sind politisch neutral. Um den Spruch mit den Waffen abzuwandeln: Nicht Medien töten ...

Das Internet bietet neue Möglichkeiten, Kommunikationspartner zu finden. Communities bilden sich weltweit. Menschen mit gleichen Neigungen, Vorlieben oder Einstellungen können endlich miteinander reden. Wissenschaftler nutzen diese Chancen ebenso wie politisch Verwirrte und sexuell Perverse. In Betroffenengruppen tauscht man sich aus. Im Grunde auch das nichts Neues. Das Medium erleichtert das Finden und Zusammentreffen. Am Telefon lernt man selten Menschen kennen, meist sprechen wir mit Personen, die wir kennen. Beim Internet ist das anders. Der »mailto:«-Button macht es leicht. Die Foren, wo der öffentliche Diskurs geführt werden könnte, die News-Groups, sind wie das wahre Leben. Die Diskussion wird dominiert von Dummschwätzern und Wichtigtuern. Wieder nichts Neues.

Die Funktion der Medien wird sich nicht ändern, wohl aber deren Ästhetik. Vor allem die unmittelbare Verfügbarkeit unterschiedlicher Informationen, die spontane Kombination von Individual- und Massenkommunikation, von Übertragungs- und Speichermedium schafft neues Erleben. Medienübergänge schaffen neue Darbietungsweisen. Text, Bild und Ton stehen neu zur Verfügung. Allein die Selbstbestimmung der Auswählenden schafft neue Formen der Kommunikation. Doch auch neue Probleme werden geschaffen: Die Gemeinde der Wissenden und Computerbesitzenden wird die Kluft zu den Unwissenden und Armen breit halten. Auf der Internet-Weltkarte fehlen noch ganze Kontinente und ganze soziale Schichten. Die Internet-Gurus sind ganz aufgeregt über die Vorstellung von exponentiellen Wachstumsraten. Doch exponentiell wachsen kann nur etwas, das sehr klein ist.

Die Ökonomie und die Globalisierung sind unter diesen Bedingungen zu diskutieren. Der von uns angestrebte Reality Check bezieht sich weiter auf die Technik, wobei weniger die denkenden Kühlschränke und Mikrowellen mit Druckeranschluss gemeint sind, als vielmehr Fragen, wie Technik Zugänge schafft oder verhindert. Wie wirken sich Konkurrenz und Konvergenz der Medien auf die Inhalte aus? Auf Fiktionales und auf Nachrichten, auf Ästhetik und Rezeptionsweisen, Mediennutzung zwischen Didaktik und Ballerspielen? Im Zentrum des Diskurses steht der Nutzer. Was bieten die Neuen Medien für ihn? Was macht er damit? Was hat er davon?

Wissenschaftler und Journalisten, Praktiker und Theoretiker sind gefordert, Antworten auf die Fragen der alten und neuen Medien zu suchen. Wir sind stolz darauf, zentrale Positionen und Meinungen hier versammeln zu können, die eine Vielfalt dessen darstellt, was aktuell zu den angeschnittenen Themen wichtiges und kritisches zu sagen ist.

Knilli wird heuer siebzig.