Neue Forschungen der Evolutionspsychologie erklären die Schwierigkeiten der Technikvermittlung. Unser Gehirn und unsere Sprache sind für andere Aufgaben als für die Beschreibung der leblos mechanischen Welt gemacht: Wir sprechen am liebsten über uns und über andere.
Gebrauchsanleitungen sind schwer verständlich, Menschen lesen sie nicht gern und probieren Technik lieber selbst aus, als sie sich durch das Studium von schriftlichen Beilagen zugänglich zu machen. Das sind nicht nur Vorurteile von Zynikern der Technikdokumentation. Dies sind Erkenntnisse, die sich weltweit bestätigen lassen. Auch in den USA, dort, wo das kreative Schreiben an Universitäten gelehrt und das Schreiben über Technik intensiver erforscht wird als hierzulande, kommt man zu dem gleichen niederschmetternden Ergebnis: Das Lesen von Anleitungen wird vermieden, Anleitungen haben ein schlechtes Image.
Eine Forschungsrichtung, entstanden und entwickelt nach 1990, ist nun erstmalig in der Lage, Erklärungen für diesen Umstand zu geben: Die Evolutionspsychologie ist keine neue psychologische Theorie, sondern eine Theorie über die Entstehung der Psyche. Die Hauptthese ist: Wir sind, was wir sind, als Ergebnis des evolutionären Anpassungsprozesses der letzten zwei Millionen Jahre. Unser Körper ebenso wie unser Gehirn haben sich durch die Anpassung an die Umwelt entwickelt. Unser Geist ist seit Anfang der Menschheitsgeschichte darauf eingestellt, Probleme zu lösen, die bestanden und die geeignet waren, den Anforderungen unserer Vorfahren zu dienen, die als Jäger und Sammler durch die Savannen und Steppen zogen. Seßhaftigkeit, Ackerbau und das, was wir Kultur nennen, ist knapp 10.000 Jahre alt - in evolutionärer Zeitrechnung verdammt wenig. Evolutionspsychologisch gesprochen fahren im Grunde "Mammutjäger in der Metro" (um einen Buchtitel zu nennen, der die Theorie populärwissenschaftlich beschreibt). Dabei bedienen sich die Wissenschaftler der Erkenntnisse aus Paläonthologie, Anthropologie, Biologie, Primatenforschung, Ethologie, Neurophysiologie, Linguistik, Psychologie und Soziologie. Die immer wiederkehrende Frage ist dabei: "Welchen Sinn hatte und hat dieses oder jenes Merkmal im Rahmen der evolutionären Fitneß?"
An ein paar Beispielen stelle ich die Entdeckungen vor und leite daraus die Fragen ab, die mit dem Lernen und Verstehen von Technik zu tun haben. Die zentrale These: Unser Gehirn arbeitet nicht wie ein Computer, ist keine "all-purpose-maschine", die für alle Arten von Aufgaben programmierbar ist, sondern ist für besondere Aufgaben eingerichtet. Die Fähigkeit zu lernen und zu verstehen, ist begrenzt. Es gibt Dinge, die wir offenbar sehr leicht lernen (unsere Muttersprache), während uns andere schwerer fallen (schreiben und rechnen). Das eine lernen wir, ohne daß wir Grammatik und Vokabeln pauken zu müssen, das andere kostet uns viel Mühe, Konzentration und lange Jahre der Übung.
Menschen sind von Geburt an neugierig
Man kann die Leser von Gebrauchsanleitungen in drei Gruppen einteilen. Die eine liest grundsätzlich nicht. Diese habt im sozialen Umfeld jemanden, der technische Aufgaben übernimmt. Eine weitere Gruppe liest die Anleitung vor der Inbetriebnahme. Tatsächlich, die gibt es. Die wahrscheinlich größte Gruppe liest jedoch nur im Notfall. Zu der Gruppe gehören Menschen, die von sich annehmen, daß sie das mit der Technik auch ohne Anleitung zumindest ein Stück weit selbst meistern können. Sie trauen sich das aufgrund ihrer eigener Intelligenz zu. Es sind Menschen, die Erfahrungen einbringen und den Mut, Dinge einfach auszuprobieren. Das sind die meisten. Zugute kommt ihnen die angeborene Neugierde. Neugierde ist eine erhöhte Aufmerksamkeit, die man Neuem und Unbekanntem entgegenbringt. Es ist eine Eigenschaft, die sich bei allen intelligenten Tieren, die nicht nur instinkthaft handeln, im Laufe der Lebensgeschichte ausgezahlt hat und uns Menschen in besonderer Weise zukommt. Neugierde ist der Trieb, sich Kenntnisse über die Umwelt anzueignen. Mehr noch: Die Befriedigung der Neugierde, das Darbieten neuer, unerwarteter Informationen, erhöht unsere Aufmerksamkeit. Wird eine Information immer wieder auf die gleiche Weise präsentiert, verlieren wir schnell das Interesse. Wir brauchen die Überraschung.
Wir sind es gewohnt, unserer Intuition folgend vieles auszuprobieren. Manchmal sieht man den Dingen ja auch an, was man mit ihnen machen kann. Auf einen Stuhl setzt man sich drauf, mit einem Hammer schlägt man. Der Umgang ist dabei nicht unbedingt eingeschränkt. Ich kann mich auch auf einen Stuhl stellen, um eine Glühbirne zu wechseln oder einen Hammer unter ein Tischbein klemmen, wenn der Tisch wackelt. Spontan ist zu entscheiden, was ich mit dem Gegenstand machen könnte. Der Umgang mit komplexer Technik, zumal in der elektronischen Variante, nimmt eine Sonderstellung ein. Weder kann ich einer Kiste mit Tastatur und Bildschirm ansehen, was ich damit machen, noch wie ich es anstellen kann, daß dabei Sinnvolles heraus kommt. Ad hoc-Verwendungen sind deutlich eingeschränkter. Aber wenn ich über genügend Erfahrung mit vergleichbaren Geräten verfüge, traue ich mich Neues auszuprobieren: Habe ich einmal mit einem Textprogramm erfolgreich gearbeitet, sind unbekannte und neue Versionen schneller zu meistern.
Der typische Umgang mit dem Computer ist ein gutes Beispiel für exploratives Verhalten. Bevor viele zur Anleitung greifen, nehmen sie selbst lieber Zeitverluste durch Fehler in Kauf. Wenn man davon ausgeht, daß die eigentliche Aufgabe darin besteht, zum Beispiel einen Aufsatz für eine Zeitschrift zu schreiben, dann ist der Computer mit einem Textverarbeitungsprogramm das Mittel. Die Gebrauchsanleitung soll mir helfen, dieses Mittel zu gebrauchen.
Es ist nun mal so, daß viele lieber ausprobieren als lesen. Die Gebrauchsanleitung ist dabei ein relativ junges Hilfsmittel. Durch die große Verbreitung von Technik im Alltag und im Beruf, sind wir gezwungen, auf schriftliche Zeugnisse zurückzugreifen, denn Ausbilder und Lehrer sind rar. Wo früher die meiste Technik eingesetzt war - im Handwerk und in der Industrie - verlangte niemand, daß man sie ohne weiteres beherrschte. Der Meister brachte sie einem bei und als Lehrling hatte man unter Umständen jahrelang Zeit, den Umgang zu erproben. Es gab praktisch keine Distanz zwischen Lern- und Anwendungssituation. Die Anleitung hält uns heute zunächst vom unmittelbaren Gebrauch ab. Dabei wollen und suchen wir das schnelle und umweglose Erfolgserlebnis. Jegliches Hinauszögern empfinden wir als störend. Geduld ist uns in solchen Fällen nicht von Natur aus gegeben.
Anleitungen, das ist keine neue Erkenntnis, müssen dem explorativen Vorgehen der Nutzer Rechnung tragen. Experimente mit sogenannten "guided explorations" sprechen für dieses Verfahren. Die Gliederung einer Anleitung ist entsprechend zu gestalten. Zugriffe und Einstiege sind an jeder nur denkbaren und undenkbaren Stelle zu ermöglichen. Formulierungen in Register und Inhaltsverzeichnis müssen die Probleme benennen, nicht die Lösungen. Ein Technischer Redakteur kann sich kaum vorstellen, auf welche Ideen seine Leser und Leserinnen kommen. Die Menschen sind beim Ausprobieren phantasievoller, als man sich in den kühnsten Vermutungen vorstellen kann. Oder um es mit dem ersten Gesetz aus Murphys berühmter Sammlung zu sagen: "Was immer schief gehen kann, wird auch schief gehen."
Menschliches Bewußtsein beinhaltet bewußte Steuerbarkeit der Wahrnehmung. Wir können uns auf dieses konzentrieren und im nächsten Moment auf etwas anderes. Wir schauen gezielt dahin und dorthin. Darüber hinaus können wir etwas, was uns wahrhaft zu Menschen macht: Wir können komplizierte und uneindeutige Zusammenhänge auf unterschiedliche Weise interpretieren, gerade so, wie es uns in den Sinn kommt: eine wahrhaft intelligente Fähigkeit, aber ein Graus für jeden Technikredakteur, der sich um interpretationsfreie Eindeutigkeit bemühen soll.
Der kleine Unterschied: Männer und Frauen
Ja, es gibt Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Diese beziehen sich auch auf Wahrnehmung und besondere Aufgaben. Frauen haben bessere verbale Fähigkeiten, eine bessere Erinnerung und eine schnellere Auffassungsgabe. Männer sind im Vergleich besser bei logisch-mathematischen Fragestellungen, der abstrakten Raumwahrnehmung und Aufgaben, die eine räumlich-zeitliche Koordination von Bewegungsabläufen betreffen. Das drückt sich darin aus, daß Frauen tatsächlich eher dazu tendieren, vor der Inbetriebnahme eines Gerätes die Anleitungen zu lesen und Männer eher zum Ausprobieren der Technik neigen. Die Geschlechtsunterschiede sind dabei zwar durchaus erkennbar, jedoch in aller Regel nicht ausreichend, um grobe Verallgemeinerungen zuzulassen. Natürlich finden sich auch Männer, die lesen und Frauen, die ausprobieren. Lediglich Tendenzen lassen sich nachweisen.
Anerzogen oder angeboren? Auf diese Entweder-Oder-Frage lassen sich Evolutionspsychologen nicht festnageln. Für sie sind es zwei Seiten einer Medaille. Daß wir nicht nur nach Instinkten und angeborenen Mustern handeln, sondern auch einen freien Willen haben, ist von Natur aus vorgesehen und angeboren. Die Struktur des Gehirns bestimmt die Fähigkeiten, wie auch Übung und Lernen Gehirnstrukturen beeinflußt. Selbst Hormone wirken auf bestimmte Lernfähigkeiten. Um es deutlich zu sagen: Diese Erkenntnisse haben nichts mit Intelligenz zu tun. Denn je nachdem welche Fähigkeiten ein Test bevorzugt, schneidet eines der Geschlechter besser ab. Das heißt, bereits die Gestaltung eines Intelligenztests bestimmt über das Ergebnis. Allerdings ist aus diesen Forschungsergebnissen zu schließen, daß Frauen und Männer unterschiedlich wahrnehmen und einen unterschiedlichen Zugang zur Technik haben, der durchaus in den Einführungstexten berücksichtigt werden muß.
Mentale Modelle und theoretisches Denken
Wissenschaftliche und theoretische Anwendungen im Alltag sind auch in den zeitlichen Dimensionen der Evolution nicht neu. Wir bringen Wissenschaft zum Einsatz, ohne es zu wissen. Wir probieren Dinge aus, bis sie funktionieren, ohne daß wir im Einzelnen immer wissen müssen, warum. Versuch und Irrtum. Irgendwann fingen unsere Vorfahren an, verschiedene Nahrungsmittel zu kochen. Sie schmeckten dadurch nicht nur besser, sie waren auch leichter verdaulich. Über die chemischen Zusammenhänge mußten unsere Vorfahren dabei nichts wissen. Evalutation ist der moderne Ausdruck für dieses Verfahren. Man nennt dieses Wissen auch Kochbuch-Wissenschaft, da es ein Wissen der Handlungen beschreibt im Gegensatz zur schulmäßigen Wissenschaft, die ein Wissen der Zusammenhänge beschreibt. Im ersten Fall wissen wir, daß etwas der Fall ist, das andere Mal wissen wir, warum. Die zweite Form der Wissenschaft spielt in unserem Alltagsleben kaum eine Rolle. Wir brauchen sie selten. Dennoch ergeben sich daraus unterschiedliche Denkweisen. Kochbuchwissen läßt nur einen begrenzten Handlungsspielraum zu. Variationen sind zwar möglich, Ergebnisse sind nur in engem Rahmen vorhersagbar. Wenn wir eine bestimmte Speise zubereiten wollen, bringen wir die vorgesehenen Zutaten ungefähr in den vorgesehen Anteilen und der uns bekannten Verfahrensweise zusammen: Wir teilen Eier in Eigelb und Eiweiß, schlagen das Eiweiß zu Schnee, geben Mehl und Zucker dazu, rühren, bis es eine einheitliche Masse ergibt. Der Vorteil dieses Verfahrens: Wir müssen nicht nachdenken bei den Entscheidungen. Es hat so oft geklappt mit den Omeletts nach diesem Rezept, so wird es auch diesmal klappen. Der Nachteil: Aufgrund des reduzierten Wissens können wir außerhalb unserer Erfahrung kaum variieren. Ein Wissenschaftler weiß, warum sich Eiweiß, wenn man es schlägt, in Eischnee verwandelt, welche chemisch-physikalischen Prozesse ablaufen, welche Rahmenbedingungen erfüllt sein müssen. Er kann aufgrund des theoretischen Wissens freier variieren. Er weiß in der Regel, was geht und was nicht. In der Praxis ist dieses zeitraubende Verfahren eher hinderlich. Gerade in vorgeschichtlicher Zeit sind aufwendige Prozesse zum Finden von Entscheidungen, wenn es um Leben und Tod geht, eher kontraproduktiv. Da haben sich Denkweisen, die schnelles Handeln erlauben, als vorteilhafter erwiesen. Nicht unbedingt notwendig beim Omelettbacken, aber in Momenten, wo ich mich und meine Lieben in einer gefährlichen Situation auf einem Baumstamm über einen Fluß retten muß, sollte ich nicht allzu lange brauchen, den Auftrieb von Holz und dessen belastbare Tragfähigkeit auf Wasser zu berechnen.
Das heißt natürlich nicht, daß wir keine theoretische Vorstellung von den Dingen haben. Wir machen uns sehr wohl Gedanken darüber, wie sie funktionieren. Wir folgen unserer Intuition und bilden spontan Muster. Psychologen nennen diese Vorstellungen "mentale Modelle". Diese sind nicht primär visuelle Repräsentationen von Einzelfällen, sondern ähneln vielmehr Hypothesen und Theorien. Wir sehen Baumstämme und Äste auf dem Fluß treiben und entwickeln daraus die Vorhersage, daß Holz auf Wasser schwimmt. Dabei muß der Klotz, der da gerade in Ufernähe treibt, während ein Säbelzahntiger hinter uns her ist, nicht so aussehen, wie all die anderen, die ich bisher gesehen habe. Von konkreten Details, die uns im Alltag begegnen, bilden wir Kombinationen von Einzelfällen, die schließlich zu abstrakten Verallgemeinerungen zusammengefaßt werden. Dieses Verfahren ist so dominant, daß bisweilen auch falsche Modelle entstehen. Die alten Ägypter beobachteten Wasserstände des Nil, Überschwemmungen oder wiederkehrende Wettererscheinungen und sahen Sternenkonstellationen. Wenn diese des öfteren zusammen auftraten, schlossen sie auf eine Beziehung: Die Astrologie entstand. Korrelationen werden zu Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen. Das Beispiel zeigt auch, wie stark unsere Tendenz ist, Muster zu finden und Modelle als Erklärungen zu suchen, selbst wenn es keine ursächliche Beziehung gibt. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein formulierte es in seiner frühen Philosophie radikaler: "Außerhalb der Logik ist alles Zufall ... Einen Zwang, nach dem Eines geschehen müßte, weil etwas anderes geschehen ist, gibt es nicht."
Lernen ist somit der Prozeß des aktiven Aufbaus eines mentalen Modells. Durch eine größere Sachkenntnis, die mehr Detailkenntnisse einschließt, bilden Experte andere, vielleicht adäquatere, mentale Modelle. Damit wird klar, warum Fachleute meist nicht verstehen, was Laien für Probleme haben.
Eine weitere Konsequenz daraus ist, daß lange erprobte und bewährte Modelle stabiler sind als neue. Ein Beispiel für ein stabiles Modell aus unseren Tagen ist die Diskussion um die Reform der Rechtschreibung. Vor allem ältere Herrschaften beteiligen sich heftig und fordern die Beibehaltung der alten Regeln. "Was Hänschen einmal gelernt hat", so könnte man das Sprichwort umdichten, "verändert Hans nicht mehr". Kindern, die gerade das Schreiben lernen, ist es egal, ob sie "Delphin" oder "Delfin" schreiben.
Neben dem Geschlechtsunterschied bei der Wahrnehmung finden wir hier einen Altersunterschied bei der Bildung mentaler Modelle. Will man auf ältere und erfahrene Leser eingehen, muß man viel intensiver auf traditionelle Vorstellungen eingehen, als dies bei jüngeren Lesern nötig ist. Eingefahrene Denkmuster sind schwerer zu durchbrechen, aber man kann sich ihrer genauso bedienen und sie bei der Didaktik der Technikeinführung nutzen.
Wir denken in Verallgemeinerungen und Kategorien (eine Fähigkeit, die Computer übrigens äußerst schwer lernen; die KI arbeitet daran). Kleine Kinder, die das Sprechen gerade erlernen, zeigen uns dies, wenn sie zu einem erwachsenen Mann "Papa" sagen, oder zu vierbeinigen Tieren "Hund".
Ein Szenario, das mir bekannt ist, dient als Erklärung und als Grundlage der Vorhersage: "Bislang schwamm Holz immer auf dem Wasser und so wird es dies auch heute tun." Wir sind faul im Denken und versuchen alle neuen Erfahrungen in alte Muster einzuordnen. Unsere Vorstellungen, Hypothesen und Theorien sind bei der Wahrnehmung stark beteiligt. Wir nehmen die Welt so wahr, wie sie unserer Meinung nach sein muß. Selbst die Erinnerung unterliegt dieser Ordnung. Erinnerung ist ein Kompromiß aus Regel und Erlebtem. Wenn mehrere Personen den Hergang eines Autounfalls berichten, erzählt jeder Zeuge seine Geschichte so, wie er glaubt, daß die Dinge passiert sein müssen. Sie ordnen die Wirklichkeit ihrer Theorie unter. Insofern ist Wahrnehmung eine Hypothese über die Wirklichkeit und nicht mehr.
Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Techniker die Welt anders beschreiben als Laien. Techniker interessieren sich für andere Dinge. Ihre Vorstellung darüber, "was die Welt im innersten zusammenhält", unterscheidet sich mitunter erheblich von der Weltsicht des Laien. "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen", nannte es Wittgenstein. Oder: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. ... Daß die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, daß die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten. ... Die Welt und das Leben sind Eins. ... Wenn ich ein Buch schriebe 'Die Welt, wie ich sie vorfand', so wäre darin auch über meinen Leib zu schreiben und zu sagen, welche Glieder meinem Willen unterstehen und welche nicht."
Wirklichkeit unter dem Aspekt der Theorie wahrzunehmen, war im vorzeitlichen Überlebenskampf durchaus effektiv. Es bleibt in kritischen Situationen keine Zeit für eine vorsichtige, detaillierte Analyse, die von allen diskutiert und beschlossen wird. Außer bei sozialen Angelegenheiten brauchen wir schnelle Ergebnisse. Im Zwischenmenschlichen und Privaten nehmen wir uns sehr viel Zeit zum Diskutieren und Palavern, ansonsten muß es schnell gehen. Unser Geist ist von der Evolution zu dieser Haltung erzogen: keine mehrstufigen, Logik erfordernde Schritte, sondern rasche Entscheidungen mit sofortigen Ergebnissen. Das ist der Moment, wo man das Paradebeispiel der Schwierigkeiten bei Gebrauchsanleitungen wieder einmal anführen kann: Die Programmierung des Videorecorders, der normalerweise gegen diese offenbar angeborenen Tendenzen unseres Gehirns läuft: Datum, Anfangszeit, Endzeit, Programm, VPS, long-play, Entscheidungen, Bestätigungen und alles ohne die Gewähr, daß es nun auch klappt. Daß es nicht immer klappt, ist nicht das Problem der Anleitung, sondern ein Problem des Gerätes, der komplexen Lösung und der Kapazität des Gehirns; nur die Gebrauchsanleitung muß mal wieder ausbaden, was an anderer Stelle verursacht wurde. Letztendlich bildet sie die Nahtstelle zwischen Mensch und Technik, deren Aufgabe es ist, den Umgang mit dem Videorecorder zu vermitteln. Es ist die Aufgabe des Technischen Redakteurs, die Unzulänglichkeiten zu reflektieren und die eventuell auftretenden Probleme anzusprechen. Ein guter Redakteur wird bei der Erstellung der Dokumentation zukünftig auch die Kapazitäten unseres Denkorgans berücksichtigen müssen.
Die Einschränkung von Wahrnehmungen beginnt bereits mit der Verarbeitung der Reize im Gehirn. Nicht alles, was wir sehen, hören, riechen, schmecken oder tasten wird gleichermaßen vom Gehirn erfaßt und gespeichert. Beispielhaft - weil es für das Erfassen und Verstehen von Anleitungen wichtig ist - sei die visuelle Rezeption herausgegriffen: Obgleich unser Gesichtsfeld recht groß ist, sehen wir nicht alles gleichzeitig und gleich intensiv. Wir können den Blick bewußt fokusieren. Wir sehen Einzelheiten. Das ist der Grund, warum wir auch die Fähigkeit haben, zu lesen. Nicht nur ein Blatt mit vielen Buchstaben nehmen wir wahr, sondern wir können unsere Aufmerksamkeit auf einzelne Zeilen und auf Buchstabengruppen lenken. Diese Form der Wahrnehmung ist so perfektioniert, daß wir - so groß das Durcheinander der visuellen Eindrücke auch sein mag - sofort erkennen, wenn etwas fehlt oder wenn etwas Unerwartetes im Umfeld auftaucht. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb uns Schreib- und Druckfehler sofort unangenehm auffallen. Nicht nur das, sie lenken auch von der Aufnahme neuer Inhalte ab.
Bilder als Attrappen der Realität
Daß unsere Sinne ebenso wie unser ganzer Körper das Ergebnis der Evolution sind, ist keine Überraschung, außer vielleicht für Dogmatiker, die an eine spontane göttliche Kreation des Menschen glauben. Durch unsere gemeinsamen Wurzeln mit den Primaten, die in den Wäldern wohnten und auf Bäume kletterten, ist die visuelle Wahrnehmung von besonderer Bedeutung. Die Augen stehen nebeneinander, was das dreidimensionales Sehen erlaubt. Da, wo die Einzelbilder jedes Auges überlappen, errechnet das Gehirn die lokale Zuordnung. Die Augen liefern die Bilder, das Gehirn erarbeitet die Realität, beziehungsweise den Teil der Realität, der zum Überleben wichtig ist. Wenn man sich schnell von Ast zu Ast bewegen muß, ist diese Fähigkeit überlebenswichtig.
Obgleich die Fähigkeit der dreidimensionalen Wahrnehmung angeboren ist, müssen wir die Interpretation der Bilder erlernen: Gegenstände, die andere verdecken, sind uns näher, Dinge erscheinen mit zunehmender Entfernung vom Betrachter kleiner, weiter Entferntes verliert an Schärfe und Detailzeichnungen, Parallelen scheinen am Horizont aufeinander zuzulaufen. James Jerome Gibon hat insgesamt 13 Merkmale entdeckt, die die Wahrnehmung des perspektivischen Sehens bestimmen. Die moderne Hirnforschung ist der Auffassung, daß die Repräsentation von Gebilden in der Erinnerung dennoch eher an eine Fotografie erinnert, also zweidimensional geschieht. Erst die Interpretation dieses Bildes gibt ihm die Räumlichkeit. Sehen heißt konstruieren. Das Betrachten von zweidimensionalen Bildern macht offenbar keine Probleme bei der Übertragung in eine dreidimensionale Vorstellung.
Diese Muster macht man sich bei Abbildungen zunutze. Dreidimensionalität wird auf der zweidimensionalen Unterlage dabei nach den bekannten Mustern simuliert. Die Simulation der Darstellung ist bereits ein Trick. Die Evolution hat nämlich nicht vorgesehen, daß unsere Augen und damit unser Gehirn durch Bilder zu täuschen sind. In der Biologie wird dieser Effekt durch Attrappen experimentell untersucht: Ein roter Bauch auf schlechter Fischattrappe löst beim Stichlingsmännchen Kampfverhalten aus, gute Attrappen ohne roten Bauch nicht. Das heißt in der Konsequenz, daß es ein bestimmtes visuelles Merkmal gibt, das auch losgelöst von der Realität funktioniert. Abstraktion und eine Reduzierung auf wesentliche Merkmale reichen für eine angeborene Reaktion aus. Ein roter Bauch ist für Stichlingsmännchen ein angeborener Auslösemechnismus für Kampfverhalten. Obgleich Film und Fernsehen nur zweidimensionale Bilder liefern, die zudem auch eine schlechte Qualität haben können und obwohl die Größen etwa einer Detailaufnahme mit der Realität nicht übereinstimmen und sich alles in einem viereckigen Rahmen abspielt, lassen wir uns von den Bildern täuschen: Wir leiden mit, wir weinen und lachen über Lichtspiele auf einer weißen Leinwand und über kleine Bildpunkte auf einer Glasscheibe.
Warum funktioniert das Schema? Weil sich die Speicherung der Umwelt in unserem Gehirn auf wenige, wichtige Elemente reduziert. Welche dies sind, ist im Einzelfall sicher verschieden, aber Farbe, Form und Oberflächenstruktur sind offenbar dominanter als Geruch, Geschmack oder Dreidimensionalität.
Dies ist auch die Grundlage für die Gestaltung und Wahrnehmung von Abbildungen in der Technikdokumentation. Abstraktion und Ergänzung von Leerstellen ist eine besondere Fähigkeit unserer Wahrnehmung. Bilder müssen offenbar nur das Wesentliche enthalten: Formen, Umrisse, Farben und bisweilen besondere Merkmale. Kinder und Kunstexperten erkennen auch ein Strichmännchen als adäquate Darstellung an. Das Motto "Punkt, Punkt, Komma, Strich - fertig ist das Mondgesicht" machen sich Piktogramme zunutze. Selbst Zeichen auf einer Schreibmaschine können, neigt man den Kopf zur Seite, als Gesicht interpretiert werden :-). Fotografien eignen sich aufgrund der Abstraktionsfähigkeit tatsächlich weniger gut als Strichzeichnungen beim Erkennen und Zuordnen etwa von Bedienelementen an Maschinen. Diese Erkenntnis ist nicht neu, hier ist sie aus der Evolution eines Sinnesorgans abgeleitet. Strichzeichnungen haben hingegen gegenüber Fotografien bei der Darstellung von dreidimensionalen Gebilden eindeutig Nachteile.
Visuelle Repräsentation und Emotion
Wir denken in Bildern. Das trotz der Tatsache, daß wir mentalen Modellen folgen, die Verallgemeinerungen sind. An einer kleinen Geschichte läßt sich das anschaulich machen: Ein Zweibeiner sitzt auf einem Dreibeiner, vor sich einen Einbeiner. Kommt ein Vierbeiner, schnappt sich den Einbeiner. Der Zweibeiner wirft mit dem Dreibeiner nach dem Vierbeiner. Diese Geschichte ist kaum verständlich und kaum nacherzählbar ohne visuelle Repräsentation. Wenn nämlich aus dem Einbeiner ein Eisbein wird, aus dem Zweibeiner ein Mensch, aus dem Dreibeiner ein Schemel und aus dem Vierbeiner ein Hund, bekommt die Geschichte Sinn und läßt sich leicht erzählen.
Über die Anschaulichkeit der konkreten Sprache hinaus wird hier die Frage aufgeworfen, inwieweit es möglich ist, abstrakte und nicht sichtbare Vorgänge in sichtbare umzusetzen. Die Forschung kann dazu noch keine eindeutigen Ergebnisse vorlegen. Bei einer Untersuchung, die 1984 am psychologischen Institut der TU Braunschweig durchgeführt wurde und die Frage untersuchte, inwieweit Analogien bei der Handhabung von Software helfen und ob Analogien das Lernen unterstützt, konnte keine endgültige Antwort gegeben werden. In der Tendenz hat sich dabei gezeigt, daß die angebotenen Analogien keinen erkennbaren positiven Einfluß hatten. Genauer muß jedoch untersucht werden, ob dies generell zutrifft. Eine Sortieraufgabe in einer Datenbank wurde erklärt mit der Arbeit eines Bibliothekars. Möglicherweise mußten die Versuchspersonen hier zweimal übersetzen: Einmal wie vorgegeben vom Computer in die Bibliothek und dann in eine weitere, der eigenen Erfahrungswelt näherliegende Vorstellung. Ein Gegenbeispiel, wo die Analogiestruktur offensichtlich funktioniert, ist die Büro-Metapher aus dem Computerbereich: Dateien, Ordner, Ablage usw. bei Mac-Programmen und der Windows-Oberfläche helfen dem Verständnis bei der Arbeit mit Bits und Bytes. Hier haben visuelle Repräsentationen einen eindeutigen Vorteil beim Herstellen von Handlungskompetenz. Die Regel beim Verständnis von Metaphern ist einfach: Um sie zu verstehen, muß man den kulturellen Hintergrund und Bezug verstehen.
Weiteres kann man aus der kleinen Geschichte mit dem Eisbein ableiten: Wenn Objekte in eine Handlung eingebunden sind, sind sie leichter zu merken. Denken Sie nur daran, daß Sie beim Einkaufen einen Zettel brauchen, weil die Dinge, an die man denken muß, zu zahlreich sind und man sich unmöglich alles merken kann. Wenn es ihnen aber gelingt, diese Dinge in Zusammenhänge zu bringen, wie zum Beispiel als Zutaten für ein Abendmenü, kann die Liste ziemlich lang werden. Auch hier arbeitet wieder ein Trick unseres Gehirns: Normalerweise braucht unsere Erinnerung nicht mit nutzlosem Zeug belastet werden und es ist besser, wenn wir Dinge, die in keinem sinnigen Zusammenhang stehen, schnell wieder vergessen.
Die Konsequenz für das Erstellen von Anleitungen ist hier ziemlich klar: Zusammenhänge schaffen! Eine Anleitung darf kein dadaistisches Gedicht sein, sondern sollte eine plausible Geschichte erzählen mit konkreten Dingen und klaren Bezügen. Hinzu kommt, daß - wie bereits ausgeführt - Bedeutung den Dingen nicht inhärent ist, sondern wir produzieren Bedeutung aus unseren Vorurteilen, unseren Vermutungen, unseren Lebenserfahrungen, unserem Weltbild. Die Objekte der Beschreibung haben an sich keine Bedeutung - wir geben ihnen Bedeutung. Das Erschaffen von Bedeutung ist wesentlich für die Schaffung von Erinnerung. Wir erinnern uns eher an die Bedeutung als an physikalische Details. Um das zu belegen, hat man Versuchspersonen Bilder vorgelegt: Nach gewisser Zeit konnten sich die Teilnehmer zwar an Umstände und Konstellationen erinnern, jedoch nicht mehr an Einzelheiten auf den Abbildungen.
Durch ein anderes Experiment läßt sich belegen, daß wir in der Regel nicht abstrakt und unabhängig vom Inhalt lernen. Erlebnisse wie auch Texte werden niemals vollständig erinnert. Unser Gehirn scheint eine Auswahl zu treffen. Um die Auswahl zu vergrößern müssen Zusammenhänge klar sein. Für diesen Zusammenhang schuf der Linguist Roger Schankt den Begriff "Skript". Er meinte damit eine strukturierte Wissensrepräsentation. Das Gehirn schafft nicht nur eine Auswahl, sondern auch eine Ordnung. Durch ein alltägliches Erlebnis läßt sich die Hypothese bestätigen. Lesen Sie den folgenden Einkaufszettel: Gemüsesuppe, grüner Salat, Mohrrüben, Essig, Öl, Radieschen, Weißwein, Rindfleisch, Kartoffeln, Sauce Hollandaise, Rotwein, Vanilleeis, Sahne, Kaffee. Wenn Sie die Liste beiseite legen und sich zu erinnern versuchen, werden Sie noch etwa fünf bis sieben der genannten Lebensmittel aus dem Gedächtnis hervorkramen können. Die Erinnerung arbeitet wesentlich besser, wenn das Ganze in eine Speiseabfolge eingebunden ist: Sie gehen in ein Restaurant und bestellen eine Gemüsesuppe, einen gemischten Salat, dazu ein Glas Weißwein; danach essen Sie Rindfleisch mit Sauce Hollandaise, trinken einen Rotwein, bestellen als Nachtisch Vanilleeis und dann einen Kaffee. Sie haben nun wesentlich weniger Probleme sich die Dinge zu merken, da Sie über ein Skript zum Thema "Restaurantbesuch" verfügen. Ihre Erfahrung und Erinnerung über die übliche Verteilung der Speisen sieht nämlich bereits eine Struktur vor: Suppe, Salat, Hauptgericht mit Fleisch und Nachtisch mit Kaffee.
Das zeigt, daß es zwei Arten von Gedächtnis geben muß: Eines, das sich auf explizit konkrete Gegenstände, Gesichter, Geschichten, musikalische Themen, Klänge und ähnliches bezieht und ein anderes, das eher implizit auf Muster gerichtet ist und assoziativ abgerufen werden kann. Der Begriff Mapping steht mit dieser Form von Erinnerung in Verbindung. Mapping bezieht sich auf den englischen Begriff für Landkarte. Wie eine Landkarte haben wir für viele Dinge und Abläufe Muster im Kopf, die wir bei unbekannten Situationen anwenden. Ein Beispiel dafür läßt sich manchmal beim Staubsaugen beobachten. Manche Leute machen die gleichen Bewegungen wie mit einem Besen oder einem Schrubber, obwohl die optimale Bewegung zum Aufsaugen von Staub viel langsamer sein sollte. Aber irgendwie scheint es eine Landkarte - Mapping - für Saubermachen zu geben und deshalb machen wir die Schrubberbewegung mit dem Staubsauger. Auch festeres Aufdrücken hilft übrigens nichts.
Gute Gebrauchsanleitungen gehen darauf ein, nutzen bekannte Landkarten und knüpfen an geläufige Muster an. Für unser Gehirn ist es wie gesagt einfacher, sich an altbewährte Strukturen zu halten, als neue zu erlernen. Lernen ist immer dann effektiver, wenn es auf Bekanntem aufbauen kann.
Erinnerung funktioniert übrigens noch wesentlich besser, wenn eigenes Erleben hinzukommt und darüber hinaus noch besser, wenn Emotionen beim Erlebnis beteiligt waren, denn das allgemeine Musterwissen wird aufgrund von konkreten Erfahrungen gebildet. Der Bezug zum evolutionären Vorteil ist offensichtlich. Intensive Erlebnisse und Stimmungen, die für mein Wohlergehen bedeutend sind, stehen in Verbindung mit bestimmten Situationen und Konstellationen. Diese zu erinnern, ist unbestreitbar nützlich. Anderes bleibt belangloses Zeug und ist bald vergessen. Sinneseindrücke werden bereits bei der Wahrnehmung auf Besonderheiten vorsortiert und danach auch noch emotional gefiltert.
Für Instruktionstexte heißt das nun nicht notwendig, daß sie mit Emotionen angereichert werden müssen. Obwohl - man sollte mal darüber nachdenken. Man muß darauf eingehen, daß der Nutzer emotional mit dem Produkt umgeht. Niemand kauft einen Videorecorder, um abends auf Knöpfe zu drücken. Man kauft Videorecorder um zeitversetzt fernzusehen, Leih- und Kaufcassetten anzusehen, selbst aufgenommene Familienfeiern vorzuführen, sich durch Pornos anzuregen. Die Funktionen Programmieren, Zeitraffer und Zeitlupe werden in den beigegebenen Erklärungstexten in aller Regel technokratisch dargeboten. Wo kommen Emotionen und Intentionen der Nutzer in der Gebrauchsanleitung vor?
Früher gab es zu Beginn vieler Anleitungen die Floskel: "Wir gratulieren Ihnen zum Kauf ihrer neuen Waschmaschine!" Es folgten ein paar Zeilen, die nach Eigenwerbung und Kaufbestätigung klangen. Dieses Kapitel ging auf die Gefühle des Käufers ein. Die Emotionen nach einem Neuerwerb sind gekennzeichnet durch eine Kombination aus Besitzerstolz und Nachkaufreue, durch Vorfreude und Angst vor dem Unbekannten. So aufdringlich die Einführungen oftmals erscheinen, erfüllen sie doch eine wichtige Funktion. Durch die Thematisierung von Stimmung und Verwendungsinteresse ist die alte und immer wieder neu erhobene Forderung nach Eingehen auf die Zielgruppe tatsächlich zu erfüllen.
Sprache und die Logik des sozialen Gehirns
Die wichtigste Funktion unseres Gehirns ist Kommunikation und Sprache. Das ist eine grundlegende Erkenntnis der Evolutionspsychologie. Doch wozu brauchen wir die Sprache? Frühere Theorien glaubten, daß man mit Hilfe der Sprache besser jagen kann. Dagegen spricht zweierlei: Zum einen jagen auch Tiere in Gruppen ganz effektvoll, ohne eine entsprechend ausgefeilte Kommunikation zu haben. Zum zweiten ist schwer vorstellbar, daß ein Vorgang, der eigentlich ruhig und leise vonstatten gehen sollte, eine so komplizierte Kommunikationsform hervorgebracht haben soll. Wir quatschen zu viel, als daß die Verwendung bei der Jagd Sinn machen würde.
Antropologen können das bestätigen. Sie haben Buschleuten bei der Gartenarbeit und beim Hausbau belauscht. Sie reden zwar viel, aber kaum über die Arbeit. Handwerkliche Fähigkeiten werden nicht verbal vermittelt, sondern man lernt, indem man zuschaut. Soziale Inhalte dominieren die Gespräche in vorindustriellen Gesellschaften. Die Verschiebung des Schwergewichtes fand erst mit der Entwicklung der technischen Zivilisation statt, wo die Vermittlung von Sachwissen durch Wort und Schrift einen größeren Raum einnimmt.
Wenn man sich aber mal ganz unvoreingenommen ansieht - respektive anhört -, worüber wir am meisten und intensivsten sprechen, dann kommt eine einfache Antwort: Wir reden am liebsten über uns und andere. Kommunikation ist ein Mittel der Kooperation und ein Mittel im sozialen Umgang. Menschen leben in Gruppen. Soziale Gruppen benötigen Informationen über jedes Mitglied. Wer kann mit wem? Wer hat Krach mit wem? Wer spricht was über wen? Als ob es nichts wichtigeres gäbe. Wir wollen wissen, wie es unseren Führungspersönlichkeiten geht, denn ihr Wohlergehen bestimmt das unsere. Wir wollen wissen, wer wen betrogen hat, denn diese Personen sollte man als Partner meiden. Wir wollen wissen, wer Gutes getan hat, denn mit denen wollen wir kooperieren.
Die Sprache reflektiert in ihrem Aufbau diese Bedürfnisse. Der Linguist Noam Chomsky hat entdeckt, daß alle Sprachen der Welt einige Gemeinsamkeiten haben und hat daraus eine Universalgrammatik entwickelt. Alle Sprachen beschreiben Subjekt-Objekt-Relationen. Es gibt Agierende und Gegenstände. Die Welt weist aber diese Relationen nicht auf. Ein Baum in einer Landschaft. Eigentlich gibt es in der Natur nur Objekt-Objekt-Beziehungen. Machen wir aus dem Tatbestand einen Satz, dann wird der Baum zum Subjekt. Vielleicht gibt es auch gar keine Relation. Nur der Betrachter organisiert die Wahrnehmung so, als gäbe es eine. Die Tendenz, diese Beziehungsbeschreibung aufrecht zu erhalten, ist so groß, daß wir Gegenstände zum Leben erwecken: "Der Computer merkt sich Dinge" ... "er hat was vergessen" ... "irgendwie mag er manchmal nicht". Wo rationale Erklärungen nicht weiterhelfen, produzieren wir Mystik. Die Astrologie ist ein Beispiel.
In Anleitungen ist der Technische Redakteur gezwungen, über unbelebte Natur zu schreiben. Aber die Sprache, die er benutzen muß - schließlich steht keine andere zur Verfügung - tut so, als seinen die Dinge aktiv Handelnde, die irgendwie miteinander agieren, sich irgendwie aufeinander beziehen. Ich gebe zu, daß es ziemlich schwer ist, sich von der Vorstellung zu lösen.
Selbst Wirklichkeit und was wir uns darunter vorstellen, ordnet sich dem Primat der Kommunikation unter. Paul Watzlawik formulierte es so: "Wirklichkeit ist keine Vor-aussetzung für Kommunikation, sondern dessen Ergebnis." Wirklichkeit ist das, wor-über wir uns einig sind. Und wenn es Götter, UFOs und Übersinnliches gibt, na gut, dann sind sie Wirklichkeit. Da sind wir ganz flexibel. Wirklichkeit ist nicht objektiv, sondern Konsens.
Sinn und Zweck unserer Sprache ist nicht, die Welt zu beschreiben, sondern soziale Beziehungen zu schaffen und zu erhalten. Das mag jeder Technische Redakteur nachempfinden, der versucht, einen Videorecorder zu beschreiben. Wir haben ein soziales Gehirn und keine "all-purpose-maschine", die funktioniert wie ein Computer: kühl berechnend und unabhängig vom Gegenstand. Wir sind besser im Lösen sozialer Aufgaben als bei der Lösung mathematisch-logischer Fragestellungen. Daß dieses Problem universell ist, läßt sich durch den sogenannten Wason-Test belegen: Versuchspersonen bekommen vier Karten vorgelegt, die auf der Vorderseite Buchstaben, auf der Rückseite Nummern haben. Zu sehen sind die Buchstaben A und C und die Ziffern 3 und 8. Dazu wird folgende Aufgabe gestellt: "Welche der Karte oder Karten müssen Sie definitiv umdrehen, um festzustellen, daß auf Karten mit einem Vokal eine gerade Zahl stehen muß?" Etwa die Hälfte gibt die richtige Antwort: Die Karten A und 3. Selbst wenn man die abstrakte Logik in eine Geschichte verpackt, die lediglich die Anschaulichkeit erhöht, wird das Ergebnis nicht wesentlich besser. Ein Durchbruch beim Anteil der richtigen Antworten wird jedoch erreicht bei einer besonderen Art von Geschichte: Wenn es um das Herausfinden von Betrug geht, steigt die Anzahl der richtigen Lösungen signifikant: "Stellen Sie sich vor, sie sind in einer Diskothek, deren Regel lautet: "Minderjährige dürfen keinen Alkohol trinken." Nun zeigen die Gäste entweder ihren Ausweis oder ihr Getränk. Natürlich muß ich nur die unter 18 nach ihrem Getränk fragen oder als Alternative die Alkoholtrinker nach ihrem Ausweis. Was die über 18jährigen trinken ist egal und wer eine Cola in der Hand hat, verstößt auf keinen Fall gegen die Regeln des Hauses. Daß diese Variante, die sich von den anderen nur durch die Besonderheit der Story unterscheidet, so überaus gut abschneidet, ist ein Beleg für die Annahme, daß unserer Gehirn am besten arbeitet, wenn es soziale Konflikte zu lösen hat. Der Test wurde weltweit in allen möglichen Schichten und Kulturen mit dem gleichen verblüffenden Ergebnis durchgeführt. Das Beispiel wurde an die jeweiligen örtlichen Besonderheiten angepaßt, denn warum 18jährige in einer Disko keinen Alkohol trinken sollen ist einem Mitglied des Kaluame-Stammes auf der Pazifikinsel Maku schwer zu vermitteln. Dafür gibt es dort einen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Cassavawurzeln und Tätowierungen, der hierzulande fremd erscheinen mag. Es wurde aus dem Versuch die These abgeleitet, daß unser Verstand von der Evolution für solche Denkaufgaben trainiert wurde, nicht aber für Logeleien. Es muß noch einmal betont werden: Diese neuartige Sicht auf die menschliche Psyche revolutioniert die Psychologie. Nicht nur unsere körperlichen Eigenschaften sind das Ergebnis einer Millionen von Jahren andauernden Entwicklung. Auch unser Gehirn mit seinen besonderen Fähigkeiten und damit unser Geist ist unter den Bedingungen der evolutionären Selektion zu erklären.
Vielleicht liegt in unserer angeborenen Wahrnehmungsweise, die eher soziale Konflikte verarbeiten kann, einer der Gründe, warum auf viele Leser die Anleitungen und Technikbeschreibungen so kalt und rational wirken. Es fehlen schlichtweg die Menschen und die Emotionen. Wir interessieren uns für Menschen, nicht für Maschinen. Geräte sind höchstens Mittel zum Zweck. Diesen Umstand vergessen viele Anleitungen, beziehungsweise die, die für die Formulierungen verantwortlich sind. Weder Verwendungszusammenhang oder Emotionen, noch Identifikationen kommen zur Sprache. Robert Pirsig drückt es in seinem Roman "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" so aus, wenn er über Handbücher spricht:
"Aus jeder Zeile spricht die Auffassung: 'Hier ist eine Maschine, zeitlich und räumlich von allem anderen im Universum getrennt. Sie hat keine Beziehung zu Ihnen, Sie haben keine Beziehung zu ihr, außer daß Sie bestimmte Schalter betätigen, die Spannung konstant zu halten, mögliche Fehlerquellen kontrollieren müssen ... und so weiter. Die Mechaniker unterscheiden sich in ihrer Einstellung zur Maschine im Grunde genommen nicht von der Einstellung zur Maschine, die in den Handbüchern zum Ausdruck kam, oder von der Einstellung, die ich gehabt habe, als ich ihnen die Maschine brachte. Wir waren alle nur Zuschauer. Und ich kam darauf, daß es überhaupt keine Handbücher gibt, die sich damit befassen, worauf es bei der Motorradwartung wirklich ankommt, mit dem allerwichtigsten Aspekt. Daß man mit Liebe zur Sache an seine Arbeit herangeht, wird entweder für nebensächlich gehalten oder als selbstverständlich vorausgesetzt."
Und an anderer Stelle:
"Das erste ist, daß man eine solche Beschreibung des Motorrads fast mit Sicherheit nicht versteht, wenn man nicht schon vorher wußte, wie so ein Ding funktioniert. Die unmittelbaren oberflächlichen Eindrücke, die für das erste, grundsätzliche Verständnis wesentlich sind, haben sich verflüchtigt. Zurück bleibt nur die innere Form.
Das zweite ist, daß der Betrachter fehlt. In der Beschreibung wird verschwiegen, daß man, um einen Kolben zu sehen, erst den Zylinderkopf abnehmen muß. 'Sie' tauchen nirgendwo auf. Selbst der Fahrer ist so etwas wie ein individualitätsloser Roboter, der die Maschine auf völlig mechanische Weise 'bedient'. Es kommen in dieser Beschreibung keine echte Personen vor, keine Subjekte. Lediglich Objekte, die unabhängig von jeglichen Betrachtern existieren.
Das dritte ist, daß die Wörter 'gut' und 'schlecht' mit allen ihren Synonymen völlig fehlen. Werturteile werden niemals geäußert, nur Fakten festgestellt."
Diese letztgenannten drei Punkte - wenn man sie als Forderungen versteht - laufen dem, was wir aus Anleitungen gewohnt sind, geradezu diametral entgegen. Aber sie beschreiben die Ursachen der Widerstände, die wir den Texten entgegenbringen, genau. Gebrauchsanleitungen scheinen Aufforderungen zu Handlungen zu sein, bei denen weder der Lehrer auftritt, noch der Schüler. Sie repräsentieren Handlungsaufforderungen, die emotionslos auf Objekte bezogen sind.
Das menschliche Gehirn verfügt über eine weitere Ausstattung, die für das soziale Zusammenleben nötig ist. Mit dem Alter von etwa 3 1/2 Jahren entwickeln Kinder eine Theory of Mind, eine Vorstellung von anderen Menschen und deren Bewußtsein. In den So-Als-Ob-Spielen bekommen auch leblose Gegenstände wie Puppen und Figuren eine Individualität mit eigenen Willen und Wünschen. Kinder spielen Vater oder Mutter, Prinzessin oder Batman. Dies dient neben der Einübung in soziale Rollen auch der Vorbereitung auf einen wichtigen Aspekt sozialen Verhaltens: "Ich denke, daß du denkst, daß ich denke ..." Komplexe Gedanken dieser Art sind für uns kein Problem, solange sie sich auf Mitmenschen, wie Freunde, Partner, Familienmitglieder, Gegner beziehen. Wir versetzen uns in die Gedankenwelt anderer. Dies ist wichtig für kooperatives Verhalten. Wir müssen eine Vorstellung davon haben, wie wir mit anderen umgehen und wie andere uns sehen. Wir müssen lernen, selbst unterschiedliche Rollen zu spielen und verschiedene Rollen von anderen zu erkennen.
Es gibt eine schwere Krankheit, die diese Fähigkeit versagt. Es ist der Autismus. Autisten können sich nicht in andere versetzen und folglich können sie nicht lügen. Die Lüge hat zur Voraussetzung, daß ich mein Wissen um die Welt von dem trennen kann, was andere wissen. Sie können bisweilen zwar wunderliche Dinge erlernen, aber sie können sich nicht in andere versetzen. Sie verstehen deshalb auch keine Motivationen und Intentionen von anderen Menschen. Sie nehmen die Worte so, wie sie sind, ohne zu interpretieren, wie sie gemeint sein können. In dem Film "Rain Man", in dem Dustin Hoffman einen Menschen mit diesem Krankheitsbild trefflich spielt, bleibt er mitten auf der Straße stehen, weil die Ampel von "gehen" auf "nicht gehen" umgesprungen ist. Er ist nicht in der Lage, diese Anweisung so zu interpretieren, daß man nur dann stehen bleiben soll, wenn man noch nicht losgelaufen ist und daß man weitergehen muß, wenn man die Straße bereits betreten hat. Man kann ihm auch keinen Witz erzählen, da er Doppeldeutigkeiten und Anspielungen einfach nicht verstehen kann.
Im Grunde sind unsere Anleitungen geschrieben, als seien sie für Autisten. Es gibt nichts zu interpretieren, nichts hineinzulegen, keine Beziehungen aufzudecken. Aber unser Gehirn ist so an das soziale Denken gewöhnt, daß uns etwas fehlt, wenn wir keine Anknüpfungen dafür vorfinden. Anleitungen handeln von einer Welt ohne soziale Implikationen. Das fehlt uns beim Lesen. Darum macht es so wenig Spaß, Gebrauchsanleitungen zu lesen. Ich gebe es zu: Anleitungen mit Humor sind allerdings schwer vorstellbar.
Anleitungen beschreiben unter dieser Sichtweise Phänomene, für die wir im täglichen Leben nur unvollkommen vorbereitet sind. Sprachlich und gedanklich haben wir hervorragende Werkzeuge, die für das Zusammenleben mit anderen, für Liebe und Intrige, für Krieg und Frieden ausgebildet sind. Die unbelebte Natur der Videorecorder, Computer und Radiowecker ist uns schwerer zugänglich als komplexe Familienstrukturen und Freundeskreise und das, obgleich die Maschinen doch streng nach logischen und mechanischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren.
Wir möchten nicht beschreiben und darlegen, sondern über die Dinge, die wir erleben und wahrnehmen, urteilen. Das Urteil ist evolutionär gesehen auch sinnvoller als die reine Beschreibung. Wir erfahren etwas über Gefahren, über Giftiges und Eßbares, über Wohl und Wehe. Über das Urteil werden Erfahrungen im Umgang mit Umwelt und Mitmenschen weitergegeben. Das ist die pädagogische Aufgabe. Moral, Ethik und Ästhetik sind nur Ausprägungen unseres Bedürfnisses nach Urteilen.
Wir sind es nicht gewohnt, sachlich zu beschreiben. Auch wenn wir über andere Menschen sprechen, schließen wir in unsere Betrachtungen schnell Werturteile mit ein. Selbst wenn wir über Dinge sprechen, verspüren manche den Drang, Einschätzungen zu Wert und Güte einzuschließen. "Schön", "gut", "gelungen", "perfekt" "schlecht" oder "voll daneben" und ihre Synonyme sind oft gebrauchte Begriffe unserer Alltagssprache, die in Anleitungstexten völlig fehlen. Und das vermissen wir beim Lesen von Anleitungen und verspüren ein Unbehagen, das sich auf die Texte überträgt. Und dann kommt es zu den eingangs erwähnten Urteilen: Gebrauchsanleitungen sind schwer verständlich, Menschen lesen sie nicht gerne und probieren Technik lieber selbst aus, als sie sich durch das Studium von schriftlichen Beilagen zugänglich zu machen.
Lernen und die Bestätigung richtigen und akzeptablen Verhaltens findet normalerweise im kommunikativen Kontext statt: Eltern und Kinder, Lehrer und Schüler, Meister und Auszubildende. In vielen Fällen gibt es zudem so etwas wie die Gemeinschaft der Lernenden, die einen positiven Einfluß auf das Lernverhalten hat. Bekanntlich macht das Lernen in Gruppen nicht nur mehr Spaß, sondern ist auch effektiver. Doch beim Programmieren des Videorecorders nach Anleitung fehlt diese und irgendwie scheint uns der kommunikative Aspekt dabei zu fehlen. Das Lernen ohne Zuspruch, Bestätigung und Kooperation hat etwas von Nachsitzen. Nicht nur unsere Denkfähigkeit und unsere Denkinhalte haben einen sozialen Charakter, sondern auch gewisse Denksituationen.
Es ist nicht einfach, dieses Manko mit dem Text und der Gestaltung von Gebrauchsanleitungen zu beheben. Es ist geradezu eine Herausforderung. Warum kommen die Autoren der Anleitung nicht vor? Keine Tips und Tricks in persönlich-vertraulichem Ton. Warum keine Fotos von den Text- und Bildredakteuren, den Entwicklern der Geräte? Es unterstützt den emotionalen Bezug. Man weiß doch auch, wie wichtig der Moderator im Fernsehen ist, obgleich auch er nur Übermittler der Informationen ist. Aber durch seine Präsenz wird die Botschaft den Zuschauern nicht nur zugänglich, sondern auch glaubwürdiger.
Lerntheorien
Die meisten Theorien beschreiben das Lernen auf Grundlage der Effekte und Folgen von Verhalten. Wir lernen aus einer Serie von Erfolgen und Mißerfolgen, die sich kundtun durch Belohnung und Bestrafung. Erfolgreiches Verhalten wird wiederholt, nachteiliges Verhalten vermieden. Wiederholung und die Erkenntnis von dem Zusammenhang von Handlung und Effekt sind wesentliche Rahmenbedingungen. Lernen ist die Anpassung, die Steigerung und die Selbstorganisation erfolgreicher mentaler Strukturen. Effektives Lernen drückt sich im Zuwachs von Kompetenz aufgrund von Erfahrungen aus.
Unter den Prämissen der Evolutionspsychologie müssen die Lerntheorien neu überdacht werden. Die bisherigen Theorien haben die Beschaffenheit und die Fähigkeit des menschlichen Gehirns nur ungenügend - wenn überhaupt - berücksichtigt. Vor allem Reiz-Reaktions-Lernen, wie es so anschaulich in dem Hunde-Experiment von Pawlow erstmalig vorgeführt wurde, muß eingeschränkt werden. Lernen läßt sich nicht beschränken auf Konditionierung. Vor allem der Behaviorismus betont ausschließlich die äußeren Umstände zu Lasten angeborener Verhaltensweisen. Dabei wird allzuschnell vergessen, daß Lernen nicht im Labor stattfindet, wo viele Parameter zu kontrollieren sind und Verhalten gleich durch Belohnung oder Bestrafung quittiert wird. Mit Nüssen und Bananen für richtiges Verhalten werden wir selten belohnt. Lernen findet in sozialen und emotionalen Situationen statt, die komplexere Strukturen aufzeigen. Das Lernen in der Schule kann man zwar mit der Angst vor schlechten Zensuren oder dem Lob und anderen Gratifikationen bei guten Leistungen beschreiben, aber wie kommt es, daß ich mir manche Dinge besser merken kann, während ich andere vergessen habe?
Die psychologischen Theorien haben wichtige Bedingungen für erfolgreiches Lernen beschrieben: Motivation, Bezug zu früher aufgebauten Mustern, Strukturierung der Umwelt, Angebot eines Modells. Nur Rahmenbedingungen werden erfaßt. Es gab bislang keine Voraussetzungen für die Inhalte. Diese und die Formen des Lernens sind aber nicht beliebig. Die Thesen der Evolutionspsychologie schränken ein: Wir lernen am besten die Dinge, für die unser Gehirn vorbereitet ist. Und diese sind abhängig von fitneß-relevanten Funktionen. Irgendwie scheint es einfacher zu sein, Angst vor Schlangen zu lernen als Angst vor Steckdosen, obwohl mir Steckdosen heutzutage doch eindeutig häufiger begegnen und eine größere Gefahr darstellen.
Eine Theorie des Lernens muß den Menschen als Ganzes erfassen. Gerade das Zusammenwirken von Emotion und Lernen wurde von der Evolutionspsychologie aufgespürt und für die wissenschaftliche Betrachtung zugänglich gemacht. Zukünftige Didaktik und Pädagogik wird die Erkenntnisse zu berücksichtigen haben. Etwas pathetisch könnte man die Verbindung von Hirn, Herz und Hand fordern. Denn die drei Komponenten Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen den Umgang mit der Technik. Gebrauchsanleitungen enthalten allzu oft nur Informationen über das Handeln. Kognitive Informationen, die den Aufbau von mentalen Modellen und Bewertungen enthalten, sind seltener. Gänzlich fehlen affektive Komponenten. Dabei bestimmt die emotionale Haltung zu dem Objekt ganz wesentlich über Erfolg oder Mißerfolg. Die einzige - allerdings unbeabsichtigte - emotionale Wirkung, die Anleitungen bisweilen hervorrufen, ist Verwirrung.
Konstruktivistische Theorien haben in diesem Zusammenhang Konjunktur, denn sie sind die einzigen, die diese Kombination berücksichtigen und darüber hinaus auch Umweltfaktoren einbeziehen. Das Zusammenspiel von angeborenen, erworbenen, erlernten Voraussetzungen und den äußeren Umständen ist in seinen wechselseitigen Wirkungen zu betrachten. Der nonlineare Zusammenhang von Input und Output wurde von der Chaos-Theorie erstmals mathematisch beschrieben und damit der Wissenschaft zugänglich gemacht. Rekursivität, Nonlinearität, Selbstreferenz sind Begriffe, die nun auch in die Diskussion über das Lernen aufgenommen sind. Die Forschung steht noch am Anfang.
Konsequenzen?
Das Fragezeichen steht bewußt. Denn noch gibt es keine Antworten, sondern nur viele Fragezeichen. Ist es nicht so, daß Gebrauchsanleitungen per se und kompromißlos einer anderen, nämlich nichtsozialen Welt angehören? Muß man sich nicht damit abfinden, daß es in Technikdokumentationen nun einmal nicht und Liebe und Intrige gehen kann? Kann es überhaupt Konsequenzen geben? Auf der anderen Seite: Wenn man sich bemüht, die Erkenntnisse der Evolutionspsychologie auf die Arbeit beim Schreiben von Anleitungstexten anzuwenden, muß das heißen, daß Anleitungen ganz anders aussehen müssen? Und wenn, dann wie, bitteschön?
Akzeptiert man die Trennung von sozialer und technischer Welt, wird sich nicht viel ändern müssen. Gebrauchsanleitungen gehören nun mal nicht zu unseren Lieblingsthemen, wenn wir uns auf Partys treffen. Wenn sie zu Gesprächsstoff werden, dann höchstens aufgrund der seltsamen Differenz zwischen der sozialen und der technischen Wahrnehmung, die ich beschrieben habe. Wir müssen uns damit abfinden und uns weiter bemühen, die Texte so verständlich wie möglich, mit größtmöglicher Genauigkeit und interpretationsfrei zu verfassen. Die Textsorte "Gebrauchsanleitung" hat nun mal nicht die Funktion zu unterhalten, sondern zu unterrichten. Das Ansprechen von Motivation, Emotion und Intention ist nicht nötig, da der Leser ja schließlich weiß, warum er die Anleitung liest.
Akzeptiert man die Trennung von sozialer und technischer Welt nicht, kann sich einiges ändern. Es gibt aber noch keine Antworten. Da eine soziale Form von Anleitungstexten noch nicht ausprobiert ist, muß eine umfangreiche Forschung beginnen.
Ein gutes Beispiel
Ich möchte den Artikel nicht schließen, ohne darauf hinzuweisen, daß es durchaus Beispiele für gelungene Gebrauchsanleitungen gibt. Eines ist zwar schon über 100 Jahre alt, aber es erfüllt einige der Forderungen: Identifikation durch Personalisierung, Anschaulichkeit, klare Strukturierung eines komplexen Sachverhaltes, Aufbau eines Skriptes, das die Reihenfolge der Handlungen einbindet. Das Beispiel ist ein Auszug aus der Anleitung zum Telefonieren aus der Juli-Ausgabe von 1883:
I. Theilnehmer A wünscht mit Theilnehmer B zu sprechen.
Zu diesem Zwecke weckt A zunächst die Vermittlungsanstalt, indem er einmal kurze Zeit gegen den an der Vorderseite des Fernsprechgehäuses befindliche Knopf drückt; hierauf hebt er den Fernsprecher vom Haken, hält ihn, behufs Entgegennahme der Mittheilung, mit der Schallöffnung gegen das eine Ohr und legt gleichzeitig das andere Ohr gegen die Schallöffnung des anderen Fernsprechers.
Die Vermittlungsanstalt antwortet: "Hier Amt".
A nennt hierauf der Vermittlungsanstalt durch Hineinsprechen in den Fernsprecher die Nummer und den Namen des Theilnehmers B, z.B. "Nummer drei (Nr. von B in der Theilnehmerliste) Löwenstein".
Die Anstalt giebt zurück: "Bitte rufen". Oder sie sagt: "Schon besetzt, werde melden, wenn frei." Im letzten Falle erwidert A: "Verstanden," hängt den Fernsprecher wieder in den Haken, bis der Wecker ertönt, worauf er denselben wieder abhebt, an das Ohr hält und der Anstalt durch Fernsprecher seine Bereitschaft mit den Worten: "Hier ....." zu erkennen giebt. Die Anstalt meldet nun: "Nummer .... jetzt frei, bitte rufen."
Auf die Meldung: "Bitte rufen" drückt A nochmals den Weckknopf, jetzt aber etwa drei bis vier Sekunden lang: während des Knopfdrückens behält er den Fernsprecher am Ohre. Nachdem die Gegenmeldung: "Hier B, wer dort?" eingegangen ist, beginnt A endlich die Unterhaltung mit: "Hier A". Es empfiehlt sich den Abschluß der einzelnen Mittheilungen, Fragen etc. durch "Bitte Antwort" bz. durch "Schluss" zu bezeichnen.
Literaturtips zum Thema:
Allman, William F.: Mammutjäger in der Metro. Wie das Erbe der Evolution unser Denken und Verhalten prägt, Heidelberg, Berlin, Oxford 1996
Eibl-Eibesfeld, Irenäus: Die Biologie des menschlichen Verhaltens, München 19973
Dunbar, Robin: The Trouble with Science, London 1995
Schnabel, Ulrich und Andreas Sentker: Wie kommt die Welt in den Kopf? Reise durch die Werkstätten der Bewußtseinsforscher, Reinbek bei Hamburg 1997