Medien und Emotionen -
Evolutionspsychologische Bausteine zu einer Medientheorie

Online-Textprobe (S. 1-30)

Erkenntnisse der Evolutionspsychologie zu Medienwahrnehmung, -inhalt und -rezeption

Ziel der Arbeit ist es, die Gedanken und Erkenntnisse der Evolutionspsychologie für eine Medientheorie nutzbar zu machen. Es werden Erkenntnisse der Evolutionspsychologie übertragen und an ausgewählten Themen empirisch überprüft.

Da ich nicht erwarten kann, dass die Theorie der Evolutionspsychologie allgemein bekannt ist, müssen zunächst deren Prämissen und Fragestellungen dargestellt werden: Von den Gedanken Charles Darwins bis zur modernen Auffassung der Evolution als Genetik plus Spieltheorie. Darüber hinaus werden Einflüsse (Ethologie, Soziobiologie) aufgezeigt und Abgrenzungen (Soziologie, Psychoanalyse) vorgenommen.

Meine zentrale These lautet: Medien sind Attrappen des sozialen Verhaltens. Um den Attrappen-Charakter zu belegen, muss das Problem der Wahrnehmung in Bezug auf die Medien geklärt werden. Warum nehmen wir Film und Fernsehen so problemlos wahr, obgleich einige Elemente auf den ersten Blick nicht kompatibel erscheinen (Tiefenwahrnehmung, Schnitt, Bewegung, unterschiedliche Einstellungsgrößen und Perspektiven). Andere Elemente scheinen aber die Medienwahrnehmung zu befördern, wie zum Beispiel unser phänomenales Gedächtnis für Gesichter.

In der Psychologie wird streng zwischen Wahrnehmung und Reflexion unterschieden. So schließt auch hier die Verarbeitung des Gesehenen und Gehörten an. Eine der Grundlagen für Reflexionen über Medieninhalte ist meiner Meinung nach die Theory of Mind, die eine soziale Perspektivenübernahme ermöglicht. Erst damit kann man Phänomene wie Schnitt-Gegenschnitt oder die Identifikation psychologisch erklären. Eng verbunden mit der Wahrnehmung ist auch die Frage der Ästhetik, denn Ästhetik ist ein Instrument, das Wahrnehmung ordnet.

Eigentlich müssten wir im Theater aufspringen und die Schauspieler als Lügner beschimpfen. Denn sie sind nicht das, was die vorgeben. Im Kino, Fernsehen, TV und auch in Romanen akzeptieren wir etwas, was wir sonst rigoros ablehnen: Die Lüge. Unser Verständnis von Lüge, Rolle und Schauspiel ist zu überdenken und auf evolutionäre Bedingungen zu hinterfragen.

Zum Kapitel über Reflexion gehört auch die Frage, wie Wahrnehmung und Emotion zusammenhängen. Denn das Auslösen von Emotionen scheint mir einer der zentralen Schlüssel für das Verständnis der Medienzuwendung zu sein. Die Basisemotionen Angst, Trauer, Wut, Ekel, Freude werden untersucht nach Ausdruck, Kommunikation, Auslöser und Funktionen. Neben den optischen Informationen wie bestimmte Situationen oder Gesichtsausdrücke, zählen akustische Ereignisse (Sprache, Geräusch und Musik) zu wichtigen medial vermittelbaren Auslösern.

Um die zentrale Hypothese, dass Medien Attrappen des sozialen Verhaltens sind, weiter zu verfolgen, sind die evolutionspsychologischen Thesen zum sozialen Verhalten zu beleuchten. Dies geschieht in vier Abschnitten:

1. Der Einzelne und die Gruppe. Robin Dunbar vertritt die These, dass unsere Sprache entstand als Ausdiffernzierung des aggressionshemmenden und koalitionsaufbauenden Grooming. Klatsch und Tratsch ist das Medium der Vorzeit, in dem alles verhandelt wurde, was für unsere Vorfahren wichtig war. Wenn es ein TV-Genre gibt, das diese Funktion am deutlichsten darstellt, ist es sicher die Talk Show. Hier wird ausgehandelt, wer und was in ist, wer sich was erlauben darf und welches Verhalten geächtet oder gewünscht ist. Die Themen der medialen Gespräche werden anhand evolutionspsychologischer Thesen überprüft.

2. Auswahl von Sexualpartnern und Konkurrenz unter Gleichgeschlechtlichen. Die Wahl des richtigen Partners zur Weitergabe und Mischung der Gene hat sich in der Natur als wichtiges Moment der Selektion erwiesen. Auch wir Menschen schenken diesem Aspekt viel Zeit und Aufmerksamkeit, zum Teil ohne dass es uns bewusst ist. Ganz eindeutig finden wir die Fragen nach dem richtigen Partner in den sozialen Dramen und Seifenopern thematisiert. Das ästhetische Urteil (das auf emotionalen Reaktionen beruht) ist eine der Grundlagen der Entscheidung über Sympathie oder Ablehnung. Menschen nutzen ästhetische Mittel um sich vor anderen darzustellen: Kunst, Poesie, Musik, Tanz, Mode. Sport ist zu betrachten unter dem Aspekt des Konkurrenzkampfes. Darüber hinaus ist Sport und angesichts der höchsten Einschaltquoten, die entsprechende Veranstaltungen erzielen auch zu betrachten unter den beiden Fragen: Was hat der Sportler davon, dass er sich mit anderen misst und was hat der Zuschauer davon, dass er seinem Favoriten zujubelt? Zudem gehört auch Humor zu den Mitteln, die Rang und Hierarchie ausdrücken. Lachen ist ein bedingter Reflex. Einige der Sendungen, die Lachen auslösen, sollen unter diesen Aspekten betrachtet werden: Sendungen, in denen andere ins Wasser fallen oder in denen man anderen Fallen stellt, Sketch, Klamauk, Late Night, Kabarett und Late Night Talk, Sitcoms und Komödien.

3. Eine der zentralen Erkenntnisse der Evolutionspsychologie ist, dass unser Gehirn keine All-Purpose-Maschine ist, sondern für spezifische Aufgaben entwickelt wurde. Eine dieser Aufgaben ist das Erkennen von Betrügern in einer Situation des wechselseitigen Altruismus. Tatsächlich finden sich entsprechende Themen extensiv  in der non-fiktionalen Darstellung (Nachrichten, Dokumentationen, Reality TV, Boulevard- und Politmagazine) ebenso wie in der fiktionalen, wo es immer wieder um das Verfolgen und Bestrafen von Personen geht, die sich gegen das Wohlergehen Einzelner oder der Gruppe verhalten.

4. Von evolutionärer Bedeutung ist schließlich, wie Eltern das Leben ihrer Nachkommen sichern. In der Natur gibt es unterschiedliche Strategien, beim Menschen hat sich intensive Brutpflege, an der auch die Männer in gewissem Umfang beteiligt sind, durchgesetzt. In diesem Kapitel möchte ich diese Frage auch unter einem abwegig erscheinenden Aspekt behandeln, nämlich warum Tiere (vor allem in fiktionalen Darstellungen) mitunter mit Kindern verwechselt werden.

Zum Schluss sind aus dem bisher Entwickelten zwei Aspekte zu diskutieren:

1. Eine qualitative Analyse des TV-Programms muss klären, ob die aus den Thesen der Evolutionspsychologie neu entwickelten Kategorien tragen und ob diese auch relevant im Programm nachzuweisen sind. Dazu wird das TV-Programm der großen fünf TV-Sender analysiert, die zwei Drittel der Einschaltquote auf sich vereinigen.

2. Es sind Konsequenzen zu ziehen in Bezug auf die Diskussion um Begriffe wie "Fiktion vs. Non-Fiktion und Realität" oder "Unterhaltung und Information". Insgesamt ist die Motivgeschichte der Medien neu zu bewerten.
 

© Clemens Schwender, Mai 99
 

Die Arbeit ist Ende 2001 unter dem Titel "Medien und Emotionen" beim Deutschen Universitätsverlag Wiesbaden erschienen. 2006 erschien die zweite überarbeitete Auflage.

Inhaltsverzeichnis

Evolutionspsychologische Bausteine

Die Grundlagen der Evolutionspsychologie
Die Evolutionstheorie von Charles Darwin
Evolution = Genetik + Spieltheorie
Soziobiologie: Egoistische Gene und kooperatives Verhalten
Evolutionspsychologische Fragen im Rahmen einer Medientheorie
 - Das Gehirn, das Betrüger sucht
Evolutionspsychologie und Ethologie
Evolutionspsychologie und Soziologie
Evolutionspsychologie und Psychoanalyse
Fragestellungen im Rahmen einer Medientheorie

Wahrnehmung und deren Verarbeitung
Medienwahrnehmung
 - Sehen
 - Hören
Reflektion
 - Vorstellen und Sehen
 - Perspektivenübernahme
 - Theory of Mind
 - Kognitive Dissonanz
 - Lüge, Rolle und Schauspiel
 - Denken und Vorstellen als Probehandeln
 - Zeit und Montage
 - Wahrnehmung und Emotion
 - Akustische Wahrnehmung und Emotion
 - Evolutionspsychologie und Emotionen

Soziale Motive
Klatsch und Tratsch
 - Klatsch und Tratsch als Funktion der Sprache
 - Das Gespräch als TV-Genre
 - Prominenz und Stars: Die Rolle der Medien bei der Kommunikation
 - Die Darstellung der nichtsozialen Welt
Ästhetische Darbietungen
 - Musik, Gesang, Tanz und andere Künste
 - Ethologie und Kunst
 - Ästhetische Mittel in den Medien
Sport
 - Effekte auf den Sportler: der Heimvorteil
 - Effekte auf den Zuschauer
Humor
 - Die Biologie des Lächelns und Lachens
 - Evolutionspsychologische Interpretationen
 - Humor in den Medien
Partnerwahl
 - Partnerwahl - evolutionspsychologische Erklärungen
 - Partnerwahl in den Medien
Elterliche Fürsorge
 - Kommunikation mit Tieren und Kindern
Kooperation und Identifizieren von Betrügern
 - Das Gefangenen-Dilemma als Muster für Kooperation
 - Die Evolution des moralischen Verhaltens
 - Nichtfiktionale Betrüger-Suche in den Medien
 - Fiktionale Betrüger

Konsequenzen für die Rezeption
Fakt oder Fiktion
 - Evolutionspsychologie und Fiktion
Unterhaltung oder Information
 - Medieninhalte als Gegenstand emotional-ästhetischer Begutachtung
Evolutionspsychologische Genre-Einteilung
Kracauer revisited

Anhang
Literatur
Index