Skript des Radio-Features "Von Feinden zu Fans", produziert von Radio 100, gesendet 1988
Der Text basiert auf: Schwender, Clemens (1989): Literatur zum Medium Comics in der Bundesrepublik Deutschland 1945 - 1985. In: Germanistische Medienwissenschaft, Teil 3. Comicforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945-1984, Bern, Frankfurt/Main, New York: Peter Lang
Sprecher 2: Der Jahresausstoß an Comics ist riesig. Hunderte von Alben, Büchern, Broschüren und Heften erscheinen jährlich und die Kurve zeigt nach oben. Der Ausstoß wird immens, wenn man die Zeitungsstrips, jene drei oder vier Bildchen, hinzu-nimmt, die in fast allen Illustrierten, in vielen Tageszeitungen und in nahezu jeder Wochenendbeilage enthalten sind.
Sprecher 1: Es gibt in der Bundesrepublik kein Archiv, in dem Comics systematisch gesammelt werden. Uns selbst wenn, wer könnte sich diesen Büchern, Heften und Streifen annehmen? Die dazu erforderlichen Sach- und Personalkosten, die für eine kontinuierliche Beschäftigung benötigt würden, werden bis auf eine Ausnahme, nämlich dem aus Drittmitteln finanzierten Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung, weder von privater noch von öffentlicher Seite zur Verfügung gestellt. Auf anderen Gebieten der modernen Kultur gibt es vergleichbare und ebenso unüberwindlich scheinende Hindernisse: Wer könnte alle Presseerzeugnisse lesen, wer alle Fernsehsendungen beobachten, wer alle Radioprogramme hören, wer alle Kinofilme beobachten? Trotzdem gibt es eine rege Archivierung, eine Forschung, die eigene Fachrichtungen hervorgebracht hat, es gibt Fachleute und Institute. Massenkommunikationsforschung, Medienwissenschaft und Publizistik sind solche Ableger, die offizielle Anerkennung gefunden haben und in vielen Universitäten und im Wissenschaftsbetrieb integriert sind. Doch was unterscheidet die Comics von den übrigen Produkten der Kulturindustrie?
Sprecher 2: Comics wurden - zumindest in Deutschland - von Anbeginn ihres Auftretens kritisiert und verfemt. Als sie sich Anfang dieses Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten bereits in den Tageszeitungen durchgesetzt hatten, merkte man in der alten Welt davon wenig. Als der Siegeszug der Comic-Figuren in den 30er und 40er Jahren in den USA nicht mehr aufzuhalten war gab es auch hierzulande Siegeszüge, die ebenfalls kaum aufzuhalten waren, allerdings solche im Stechschritt unter einem Hakenkreuzbanner. Donald Duck und Mickey Mouse waren bald ebenso verboten wie Tucholsky oder Bert Brecht.
Sprecher 1: Göbbels war der Meinung, dass Supermann ein Jude sein müsse.
Sprecher 2: Nach dem Sieg der alliierten Kräfte über Nazi-Deutschland brach die Kritik am Comic jedoch nicht ab. Im Gegenteil, sie schien sich erst recht zu formieren. In den 50er Jahren waren es die Konservativen, die den Untergang der abendländischen Kultur, die geistige und sittliche Verrohung der Kinder durch die Comics herannahen sahen; in den späten 60ern waren es die Linken, die im Comic die Einübung in den Kapitalismus, in die Verdummung der Massen durch die Herrschenden sah.
Sprecher 1: Es ist mehr als verständlich, dass eine Mediengattung, die von allen Seiten Prügel bezieht, sich weder selbst ungestört entwickeln kann, noch dass Diskussionen über theoretische und praktische Fragen des Mediums geführt werden können, geschweige denn, dass sich jemand ernsthaft um die Archivierung und deren Betreuung stark machen würde. Und das ist der Scherbenhaufen, vor dem der Interessierte heute steht.
Sprecher 2: Es geht nun hier darum einmal nachzuzeichnen, was in der Bundesrepublik seit 1945 über Comics geschrieben wurde. Es ist eine Menge: Qualifiziertes und - aus heutiger Sichtweise - auch viel Unqualifiziertes. Manches klingt so unglaublich, dass es sich wie Satire anhört, aber es sei betont, die Zitate sind echt und in aller Ernsthaftigkeit verfasst. Dargestellt werden die Apologeten und die Kritiker mit ihren Argumenten für und wider Comics. Ein Bericht über eine wunderbare Wandlung: Wie wurde aus Kitsch Kunst und wie aus Feinden Fans. I. Die fünfziger Jahre (Collage aus deutschen Schlagern, ca. 3 min)
Sprecher 3: "Wie unsere Jugend von heute von den bebilderten Heften bedroht wird, die wir erst nach 1945 kennenlernten, als sie im Gepäck von fremden Soldaten, und in den Beutetaschen des weiblichen Gefolges zu uns gelangten, weiß jeder, der die mit brünstig roten, sengend gelben und kreischend violetten Heften tapezierten Wände unserer Zeitungskioske ansieht."
Sprecher 2: So umriss der Kritiker Cordt, der fleißigste Schreiber gegen den Comic im Jahre 1955 die Ausgangssituation. Seit dem ersten Erscheinen eines Serienheftes in der Bundesrepublik waren gerade fünf Jahre vergangen. Es könnte auf den ersten Blick so aussehen, als ob in der ablehnenden Haltung der Comics gegenüber Anti-Amerikanismus mitschwingt, denn die sowjetischen Soldaten hatten sicher keine Bildchenhefte dabei. Doch dies ist sicherlich voreilig. Denn immerhin haben die Amerikaner uns Deutsche vom zweiten Weltkrieg befreit. Aber das, was die Soldaten mitbrachten, wurde von vielen konservativen Kritikern abgelehnt:
Sprecher 1: Da waren die Texashosen, wie die Röhrenbeine der Firma "Levi's" damals genannt wurden, da waren die Kaugummis, die bald unter jeder Schulbank klebten, da gab es die "Negermusik", die aus den Lautsprechern der mittlerweile tragbaren Kofferradios quäkten (Dabei war Elvis eindeutig weißer Hautfarbe) und es gab schließlich die Flut des geistigen Kaugummis, die über den Atlantik schwappte, die Comic Strips, die unsere Jugend angeblich ins Verderben zu stürzen drohte: Ein Anti-Amerikanismus besonderer Art. Ein Amerika, vor dem hier einige befürchteten, es könnte mit diesen Auswüchsen die abendländische Kultur in den Untergang stürzen.
Sprecher 2: Betrachtet man die Aufsätze über Comics in den 50er Jahren, zum Beispiel in der "Allgemeinen deutschen Lehrerzeitung" und ihrer Beilage "Jugendschriften-Warte" oder in der Zeitschrift "Jugendliteratur", so muss man die Vorstellung gewinnen, dass der Comic eine wahrhaft furchtbare Seuche ist:
Sprecher 3: "Was die Atombombe der Welt antun kann, nämlich ihr ende herbeiführen, das kann das Comic Book der Welt der Literatur antun - nämlich das Lesen ausrotten".
Sprecher 1: Original-Zitat aus der Zeitschrift "Jugendliteratur" aus dem Jahre 1956. Die Beschäftigung und die Erwähnung des Comics beschränkten sich auf negative Kritik. Positive Stimmen gab es nicht. Lediglich in der Reichweite der Verderbnis und in der Abstufung der Gegenmaßnahmen unterschieden sich die Beiträge. Drei Befürchtungen wurden dabei wenn auch in unterschiedlicher Tonart immer wieder laut:
Sprecher 2:
1. Comics machen dumm, fördern den Analphabetismus und zerstören die Phantasie.
2. Comics machen kriminell, dienen als Vorbild für Gewalt und Verbrechen.
3. Comics stören die sich entwickelnde Sexualität der Jugendlichen, führen zu Frühreife und Fehlentwicklungen.
Sprecher 1: Soweit die wichtigsten Punkte der deutschen Comic-Kritik. Zum ersten Kritikpunkt führte der US-Psychologe Frederic Wertham aus:
Sprecher 3: "Meine Forschung hat gezeigt, dass die Form des Comic-Heftes, ohne Rücksicht auf den Inhalt, ein Hindernis ist, um eine gute Elementartechnik im Lesen zu erwerben. Lesen bedeutet eine große Anstrengung für den Verstand ... Um eine Seite lesen zu können, müssen die Augen automatisch eine Zeile entlang von links nach rechts wandern, dann wieder links zu einer etwas tieferen Stelle, und dann wieder von links nach rechts. All dies muß ständig wiederholt werden, ohne Anstrengung und ohne besondere Aufmerksamkeit gegenüber der einzelnen Bewegung. Die Form des Comic-Heftes, mit seinen mit Haken versehen Ballons, die über die Seite verstreut sind, mit Nachdruck auf den Bildern und deren Zusammenhang, mit den Pfeilen, die die Augen von rechts nach links und sogar hinauf und hinunter lenken, mit vielen undeutlichen Wörtern, die gar keine Wörter sind, vermittelt mit dem Lernen eigentümliche Lesegewohnheiten. In dieser Beziehung sind die sogenannten 'guten' Tier-Comic-Hefte am schlimmsten, weil sie die jüngsten Kinder erreichen. Ich stellte eine besondere Lesestörung fest, die ich 'linear dyslexia' nannte. Sie wird charakterisiert durch eine Anzahl von speziellen Symptomen, die direkt vom Lesen der Comic-Hefte herrühren. Viele Kinder haben sie."
Sprecher 1: Um die kriminelle Verdorbenheit der Comics zu zeigen, wurde argumentativ gerne auf eine amerikanische Untersuchung Bezug genommen, die den Zusammenhang zu beweisen schien. Hierzu die deutsche Psychologin Hilde Mosse, eine Vertreterin der Werthamschen Kritik:
Sprecher 4: "Verbrechen, Sensation, Rassendiskriminierung und lose Sitten stehen im Mittelpunkt. Die 'Heldentaten' der 'Sigurd', 'Akim', 'Tarzan' sind rohe Gewalt, phantastisch ausgeschmückt. Es gilt nur brutale Kraft, die hart und unbarmherzig zu-schlägt, und die Sprache des dreipfündigen Colt. Verschiedentlich wurden schon von den Gerichten 1954 Tom-Mix-Hefte beschlagnahmt mit der vielsagenden Begründung: 'Sie triefen von Gewalttaten und sadistischen Grausamkeiten.' Der Psychiater Dr. Frederic Wertham sagte nach einer gründlichen Untersuchung von Bildheften: 'Ich weiß heute genau, wie man einen Mord begeht, wie man unschuldige Opfer erpreßt, ausraubt und vergewaltigt. Ich kenne jede verwundbare Stelle am menschlichen Körper, was mir bei meinem nächsten Mord sehr nützlich sein wird. Ich weiß erschöpfend Bescheid über das Vorgehen bei Überfällen auf Läden. Warenhäuser und Eisenbahntransporte, kurz über jede einzelne Phase jedes möglichen Schwerverbrechens.' Bei der Findigkeit der Comic-Verleger und Verfasser in Hannover, Hamburg und anderswo war es zu erwarten, dass sie ihren schundigen Erzeugnissen ein moralisches Mäntelchen zur Tarnung umhängen würden. Auf diese Weise will man den Eltern und Erziehern die Hefte schmackhaft machen. Leider fallen auch viele darauf herein! Zwar verfolgt Tom Mix, der König der schießenden und raufenden Cowboys, die Missetäter und Pferdediebe, Phantom greift überall dort ein, wo ein Verbrechen geplant ist, auch Superman ist der unwiderstehliche Retter der Bedrängten und Verfolgten und Jezab der Seefahrer befreit die von den wilden Titanen ausgepeitschten Sklaven. Aber - das Verbrechen, die Auspeitschungen, die Hängeszenen, das Erschießen, Erschlagen ziehen sich seitenlang hin, sind absichtlich in den Vordergrund gerückt, um an die niedrigen Instinkte im Menschen zu appellieren, um aufzupeitschen, aufzuregen! Die Kinder sind in der Klasse unruhig und reizbar und zeigen eine argwöhnische und kämpferische Einstellung gegenüber der Umwelt. Eltern beschweren sich, dass Mädchen mit dem Lasso eingefangen würden. Zwei Schüler der Oberklasse einer Volksschule des Ruhrgebietes schlugen sich um die Ehre eines Mädchens im Abortgebäude so, dass Boden und Wände mit Blutspritzern bedeckt waren und der Unterlegene tagelang das Bett hüten musste. Beide Kämpfer waren eifrige Leser von Comic-Heften."
Sprecher 1: Soweit die Psychologin Hilde Mosse. Es ist schon seltsam wie sich die Argumente gleichen: Um 1910 war es die Dunkelheit des Kinosaales und der Film, in den 50ern die Comics und die den 80ern die Horror-Videos, die "unsere" Jugend verderben. Die Medien ändern sich, die "Gefahren" bleiben, ob bei unserer Jugend oder bei deren Großvätern.
Sprecher 2: Eine Untersuchung, durchgeführt von Hilde Mosse, einer Mitarbeiterin des Psychologen Frederic Wertham wurde auf einer Vortragsreise durch bundesdeutsche Volkshochschulen vorgestellt. Diese Untersuchung wurde immer wieder gerne zitiert, stellte sie doch den Zusammenhang von kriminellem Verhalten und Comics-Rezeption unter Beweis: In einem New Yorker Vorort mit einem hohen Anteil farbiger, oft arbeitsloser Bewohner, wird gleichzeitig eine hohe Rate an Jugendkriminalität und ein hoher Comic-Konsum festgestellt und daraus messerscharf ein Zusammenhang ge-schlossen. Dass dabei vermeintliche Ursache und Wirkung nicht den geringsten Zusammenhang besitzen, ging weder den Forschern selbst, noch den eifrigen Nachbetern auf. Mit dem gleichen Recht und derselben Logik ließe sich auch belegen, dass Milchtrinken heroinsüchtig macht. Eine Befragung unter Abhängigen wird mit einiger Sicherheit ergeben, dass der größte Teil der Befragten in der Kindheit Milchtrinker war. Das stärkste Argument, was gegen die Behauptung der Kritiker spricht, ist die tatsächliche Verbreitung der Comics. Die verschiedensten Untersuchungen, die diesbezügliche Angaben enthalten, sprechen durchweg von 80 - 95 % Verbreitung von Comics unter Schulkindern, völlig unabhängig von Schultypus, Bildungsgrad der Eltern oder des Kindes oder von dessen kriminellen Neigungen. Gäbe es den direkten schlechten Einfluss der Comics, müsste eine ganze Generation raubend, mordend und vergewaltigend durch die Straßen ziehen. Der Zusammenhang von Delinquenz und Comic-Lektüre wurde indes in den 50er Jahren von keiner Seite in Frage gestellt, allenfalls abgestuft, wie es zum Beispiel in einem Aufsatz von Virginia Haviland in der Zeitschrift Jugendliteratur zum Ausdruck kommt:
Sprecher 4: "Die Meinung der Psychiater über die ethischen und sozialen Auswirkungen der Comic-Lektüre auf Kinder sind geteilt. Einige, darunter Frederic Wertham, sind der Meinung, dass zwischen der Lektüre von Comics und dem Ansteigen der Jugendkriminalität ein direkter Zusammenhang besteht. Andere wieder glauben, dass nur solche Kinder, die schon von vornherein psychisch labil sind und zu Verbrechen neigen, durch solche Schriften beeinflusst werden können."
Sprecher 2: Soweit das Zitat aus dem Jahre 1956. Es ist kein Zufall, dass es immer wieder amerikanische Untersuchungen waren, auf die gerne zurückgegriffen wurde. Hierzulande gab es zwar nicht so viele Comics, aber eine großangelegte Comics-Kritik. Gleichzeitig gab es hier auch keine nennenswerte Comic-Forschung. Es wurde also importiert. Ein kurzer Blick über den großen Teich auf die US-Comic-Szene der 50er Jahre kann da Aufklärung schaffen: Die Comic-Entwicklung in den USA lieferte selbst die Gründe für die Kritiker. Aufgrund eines Rückganges der Verkaufszahlen und in andere Veränderungen, wie Format-Wechsel der Hefte und das Auslaufen beliebter Serien, wurde der Comic-Markt zeitweise härter geführt. Einen Ausweg aus der Misere sahen einige Produzenten (wie E.C. Comics) darin, bisherige Tabu-Zonen anzugehen und ausgiebig Horror, Gewalt und Sex darzustellen. Die Kritiker hatten so natürlich keine Mühe, Argumente für ihre heftige Ablehnung zu finden. Doch inwieweit diese in den USA stattfindenden Tendenzen auf die Bundesrepublik in jenen Tagen zutreffend und übertragbar sind, bleibt offen. Hier gab es wie gesagt keine Forschung, die den Namen verdient hätte, die sich mit Rezeption und Inhalten befasst hätte. Ein weiterer Grund für die umfassende Beschäftigung mit Comics in den USA ist wahrscheinlich auch in der gerade in Mode kommenden psychologischen und besonders psychoanalytischen Forschung zu sehen, die auch in den Comics nach versteckten Ersatz-Vätern, Kastrations-Ängsten und Über-Ichs zu suchen begann und sie auch entdeckte.
Sprecher 1: Der fleißigste deutsche Kritiker Cordt verfasste 1954 einen Aufsatz mit dem Titel "Lesen ihre Kinder auch Comic-Books". Zur Sexualität stellt über einen 13jährigen Jungen fest:
Sprecher 3: "... pornographische und lüsterne Bilder, die so eindeutig waren, dass die noch schlummernden Sexualgefühle hellwach werden mussten."
Sprecher 1: Welch ein Erwachen für die Mutter, die diese Comics bei ihrem Sohn entdecken mußte! Auch die bereits zitierte Hilde Mosse wollte neben einer Reihe anderer Störungen auch eine Begünstigung der körperlichen Frühreife entdeckt haben, die durch die Lektüre von Comics verursacht wird. Ganz so empörend waren die Befunde von Theodor Spitta nicht, obgleich auch er die Möglichkeit einräumte, dass der Jugendliche durch Comics doch auf eine sexuelle Entwicklungsstufe, der
Sprecher 3: "homo-erotischen",
Sprecher 1: fixiert werden kann. Andere zufällig ausgewählte Artikel unterscheiden sich kaum in der Tendenz. Es ließen sich noch eine Reihe Beispiele anführen, allein: Die Kritik reduzierte sich auf die Warnung vor diesen jugendgefährdenden Schriften.
Sprecher 2: Bei all diesen befürchteten Folgen des Comic-Konsums war es darum auch kein Wunder, wenn vom Staat einschneidende Maßnahmen gegen dieses
Sprecher 3: "Opium der Kinderstube"
Sprecher 2: verlangt werden. Vom Mai 1954 bis April 1955 lagen denn auch der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 172 Druckschriften (zum größten Teil Comics) vor, davon wurden 93 auf die Liste für jugendgefährdende Schriften gesetzt. Selbst der Bundesgerichtshof befasste sich im Jahre 1955 mit den Comics. Zu einem Urteil der schweren sittlichen Gefährdung hieß es zusammenfassend:
Sprecher 3: "1. Ob Bildstreifenhefte geeignet sind Jugendliche sittlich zu gefährden, hängt vom jeweiligen bildlichen und textlichen Inhalt ab. 2. Das Tatbestandsmerkmal der schweren sittlichen Gefährdung von Verbrecher-Comics kann nicht mit dem Hinweis darauf verneint werden, dass das Maß der von ihnen ausgehenden Jugendgefährdung nicht größer sei als der ungünstige Einfluss anderer moderner Mittel der Massenunterhaltung (z.B. schlechte Filme) und dass von ihnen keine schädliche Dauerwirkung zu befürchten sei, weil sie nur in einer gewissen Alters- und Entwicklungsstufe gelesen würden. 3. Das Merkmal der Offensichtlichkeit bedeutet, dass die von der Schrift ausgehende sittliche Gefährdung der Jugend jedem einsichtigen für Erziehung und Schutz der Jugend aufgeschlossenen Menschen ohne besondere Mühe erkennbar sein muss. 4. Der Zeitschriftenhändler ist verpflichtet, das von ihm feilgehaltene Schrifttum auf seine sittliche Ungefährlichkeit für die Jugend zu prüfen, sofern er sie nicht wegen des anerkannten Rufs des Verlags oder auf Grund sonstiger, ihm bekannter Umstände ohne weiteres voraussetzen kann."
Sprecher 2: Doch selbst die Rechtsprechung des BGH ging vielen Apologeten der abendländischen Kultur und Kritikern der Comics nicht weit genug.
Sprecher 4: "Im Gespräch mit Eltern und Erziehern stellt man immer wieder fest, dass die Bundesprüfstelle als die einzig zuständige Einrichtung zum Kampfe gegen die Comics angesehen wird und dass von daher alle geeigneten Maßnahmen ergriffen werden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Prüfstelle nur auf Antrag entscheidet. Antragsberechtigt sind nur der Bundesinnenminister und die obersten Justizbehörden der Länder. Diese beiden Stellen überwachen aber das Schrifttum auch nicht, sondern sind darauf angewiesen, auf Schundschriften aufmerksam gemacht zu werden. Mithin liegt die Abwehr der Comics bei der Bevölkerung und bei den Verbänden., Organisationen und Behörden, die sich für den Jugendschutz verantwortlich fühlen."
Sprecher 1: Das BGH-Urteil traf die Verbreitung der Hefte zwar an der Wurzel, dem Vertrieb, doch vielen gingen weiter. Umtauschaktionen mit großem finanziellem Aufwand wurden ins Leben gerufen und die Zeitschrift "Jugendliteratur" berichtete von den Erfolgen:
Sprecher 3: "Die Umtauschaktionen von Schund- und Schmutzheften gegen besseres Jugendschrifttum in Heft- und Buchform hören in Westdeutschland nicht auf. Drei Monate währte die Umtauschaktion in Rodenkirchen. Erfolg: abgeliefert 8 315 Schundhefte im Verkaufswert von 2 690 DM. - Innerhalb von drei Stunden bei der Schmökergrab-Aktion in Hagen: 20 918 Schundhefte mit dem geschätzten Ladenpreis von 6 826 DM. Würzburg wiederholte im Dezember die im Frühjahr gestartete Aktion (Umtausch von 22 000 Heften), weil ein so voller Erfolg beschieden war. - ...14 Tage lang tauschte die Schule ein gutes Jugendbuch im Wert von 2,- DM gegen zehn Schundromane, 2 100 Schmöker wurden verbrannt ..."
Sprecher 1: Bücherverbrennung zum Schutze der Jugend vor Schmutz und Schund? Das Bild ist schon seltsam und befremdet. Bei all diesen Aktionen wurde das gute Jugendbuch dem Comic entgegengehalten wie Knoblauch dem Grafen Dracula. Die gute Literatur sollte den Schund austreiben.
Sprecher 2: Eine für die 50er Jahre moderate Argumentation soll hier ebenfalls zitiert werden, da sie bereits eine Wende in der Behandlung der Comics andeutet:
Sprecher 3: "Einsichtige Kritiker haben indes längst eingesehen, dass dem Phänomen mit moralischer Entrüstung oder gar mit Verboten nicht beizukommen ist. Wie war es überhaupt möglich, dass die Comics nicht nur erfunden sondern anerkannt und verbreitet und schließlich fast fanatisch geliebt wurden? Natürlich gibt es auf diese Frage nicht nur eine Antwort. Entscheidend wurde allerdings, dass die Comics einem tiefen in jedem Menschen schlummernden Bedürfnis nach Vereinfachung entgegenkommen und zugleich sein Verlangen nach Bildhaftigkeit befriedigen. ... Gibt es also auch gute oder harmlose und ungefährliche Strips? Um bei Donald Duck zu bleiben, so darf gewiss gelten, dass Walt Disneys fröhliche Fabelwesen Hunderttausende von Kinderherzen ohne jeden Nachteil erfreut haben - und nicht nur Kinderherzen, sind doch die so harmlos aussehenden Abenteuer nicht ohne philosophischen Tiefsinn. 'Donald Duck', der kleine Enterich, ist er nicht ein Spiegelbild unserer Selbst? Irrend verwirrt beständig über die Narreteien und seine eigene menschliche Natur stolpernd, doch unverzagt und immer wieder aufrappelnd, wider bessere Einsicht von Herzen gutmütig und voller Hoffnung - so spielt er in heiterer Überwindung aller Widerwärtigkeiten die Rolle von uns allen. Die Beispiele an guten Comics könnten gehäuft werden - aber enthebt uns das der Frage, ob hier nicht allein eine radikale Lösung angebracht sei? Denn gewisse Vorwürfe gegen die Comics können kaum entkräftet werden. Die übertriebene Schwarz Weiß Malerei, die Äußerlichkeit der Ereignisse und Handlungen, dann vor allem die oft mehr als primitive und zunehmend zerstückelte Redeweise der Textblasen: das alles hat möglicherweise Wirkungen, die dem Ziel einer rechten Erziehung entgegengesetzt sind."
Sprecher 2: Tatsächlich deutete sich hier, wenn auch nur vorsichtig, eine neue Tendenz an: Weg von der pauschalen Verdammung, hin zur Differenzierung.
Sprecher 1: In den Aufsätzen der selbsterwählten Jugendschützer ging die Kritik an den Comic-Heften ungemindert weiter. Der Ton war deutlich moderater und die Kritiker deutlich zahmer, doch ein Wandel hat sich noch nicht endgültig vollzogen. Die Artikel nahmen auch zahlenmäßig ab, bis schließlich 1963 die Zeitschrift "Jugendliteratur", das Sprachrohr der Kultur-pfleger, ihr Erscheinen einstellte.
Sprecher 2: Zudem ging der Trend in eine neue Richtung. Nach den Themen, die die Folgen auf die Leserschaft behandelte in den 50ern, traten nun in den 60ern die Geschichte der Gattung und inhaltliche Diskussionen als Themen in den Vordergrund. Das Magazin der "Spiegel" führte die intensivste Diskussion um den Comic. Auf besondere Weise typisch für die neue Auseinandersetzung ist der Aufsatz:
Sprecher 4: "Lichtenstein - Mythos von Mickey" aus dem Jahre 1967. Es ging in diesem Artikel um den amerikanischen Maler Roy Lichtenstein, der sich in seinem Malstil auf die Zeichnungen der Comic-Strips bezieht, ja diese persiflierte und bis hin zur Rasterung kopierte. So zu sehen auf einem Foto, das den Künstler zusammen mit einem seiner Werke zeigte. Es war ein Portrait der Disney-Figur "Mickey Mouse". Dazu hieß es im Spiegel: "Sein Einzug in die Kunstgeschichte war ein Skandal: Als der Amerikaner Roy Lichtenstein 1962 erstmals in der New Yorker Gallerie Castelli ausstellte, beschimpften ihm die Besucher; Künstler versuchen seine Bilder von der Wand zu reißen, und Kritiker glauben, den 'schlechtesten Maler der USA' entdeckt zu haben. Der Grund für die Aufregung waren Bekannte aus der Kinderstube: Lichtenstein hatte populäre Helden der Comic Strips wie Mickey Mouse, Donald Duck und Popeye auf riesige Leinwände übertragen - eine Demonstration gegen den damals herrschenden Abstrakten Expressionismus."
Sprecher 2: Soweit das Zitat aus dem Spiegel 1967. Über den Umweg der Ölmalerei, der anerkannten Kunst, fanden Comics Einzug in die bessere Gesellschaft. Der Comic war plötzlich eine Kunst, an der sich Intellektuelle erfreuen durften, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, ohne Angst etwas Unanständiges zu tun. Die Hetze der 50er Jahre war vergessen und vergeben, wenngleich auch noch nicht überwunden. Die Lektüre bedurfte der Rechtfertigung. Der Philosoph Max Horkheimer wurde immer wieder gerne zitiert mit seiner Bemerkung, dass er die Comics
Sprecher 3: "ganz naiv gern"
Sprecher 2: hat. Comics wurden zur legitimen Ausgleichslektüre von theoretisch denkenden Menschen. Zudem fand der "Bayern-Kurier" in Donald-Duck-Geschichten antikapitalistisches Gedanken- und Sprachgut, was der "Spiegel" seinerseits genüsslich zitierte. Die Rede ist vom Micky Maus Heft Nr. 36 aus dem Jahre 1969. Im Spiegel hieß es:
Sprecher 4: "Das Heft berichtet über einen neuerlichen Versuch der Panzerknacker AG, dem geizigen Multimilliardär Onkel Dagobert, den reichsten Mann der Welt, zu berauben. Die Panzerknacker legen sich, nachdem konventionelle Methoden (Hände hoch) wieder einmal versagt haben, einen Verbandsideologen zu, der ihnen rät: 'Ihr müsst euch in den Besitz der Produktionsmittel setzen.'" Soweit der Spiegel.
Sprecher 2: Kritik am Comic fand in den 60er Jahren aber auch im 'Spiegel' statt, doch keineswegs radikal und pauschal. Sie richtete sich gegen einzelne Phänomene, etwa im Vorwurf rassistischer Vorurteilsverbreitung in einzelnen Produktionen des Kauka-Verlages.
Sprecher 1: In den 60er Jahren wurde die Auffassung, dass der Comic eine Domäne der Kinder und Jugendlichen ist, verlassen. Der Comic wurde erwachsen und gesellschaftsfähig. Auch linke Intellektuelle kannten und lasen Donald, Onkel Dagobert und Mickey. All die Verdammung der fünfziger Jahre hattte der Comic überstanden, wobei die Leserschaft stetig und unbeirrt gewachsen ist. Eine der direkten Auswirkungen der Kampagnen gegen Comic-Hefte war, dass es in der Bundesrepublik keine nennenswerte Produktion gibt. Nur wenige Zeichner, Texter und Produzenten konnten sich in den 50ern und Anfang 60ern behaupten, von einer Weiterentwicklung konnte keine Rede sein. Der Großteil des deutschen Marktes wurde von US-Importen bestimmt, Frankreich, Italien und Belgien kommen als Exporteure hinzu. Rolf Kauka war der einzige deutsche Produzent, der im Geschäft der Großen mit dabei war. 1952 veröffentlichte er zum ersten Mal sein Heft 'Eu-lenspiegel', in dessen zehnter Nummer die Füchse 'Fix und Foxi' auftreten und schließlich zur Hauptattraktion wurden. In den 60ern gehörten diese Figuren laut Umfragen unter Kindern zu den beliebtesten Comic-Helden in der Bundesrepublik.
Sprecher 1: Eine erneute Wende, nach der von 59/60, lässt sich in Sachen Comics recht genau datieren. Es war die Jahreswende 1969/70, also ziemlich genau 10 Jahre nach dem ersten Umschwung, als die große Comic-Kritik zum Erliegen kam und neue Themen erst gesucht werden mussten. Anlass der neuen Wende war die Comic-Ausstellung und das gleichzeitig stattfindende Colloquium in der Berliner Akademie der Künste von Dezember 1969 bis Januar 1970. Das Klima dafür wurde geschaffen und vorbereitet durch die künstlerische Entdeckung der Comics. Die Ausstellung hatte den Bann gebrochen, der Comic wurde gesellschaftsfähig. Das war der Startschuss in eine neue Phase der Comic-Betrachtung.
Sprecher 2: Die Verdammung der Comics als Schmutz- und Schundliteratur war passé. Auf der 16. Internationale Jugendbuchtagung im April 1970, gab es eine Arbeitsgruppe, die den Comic thematisierte. Der Pädagoge Dietrich Fischer resümierte:
Sprecher 3: "In der Gruppe der 'Comics' wurde zwar auch der Humor herausgefiltert, aber im Vordergrund stand doch der soziologische Stellenwert dieser Literatur. Wider Erwarten waren die Teilnehmer einig, dass Comics bislang zu pauschal abgewertet worden seinen. Es gilt, differenzierter zu betrachten und literatur-pädagogische Konsequenzen zu ziehen."
Sprecher 2: Soweit das Zitat. Die Verhältnisse haben sich langsam, aber stetig gewandelt und es war wie ein Wunder: Die Pädagogen lasen die Comics nun selbst, von denen sie den Untergang der abendländischen Kultur befürchtet hatten. Sie holten Versäumtes nach. Die Entwicklung der Comic-Literatur und ihrer Leser war ohne pädagogische Betreuung vonstatten gegangen. All die Hetze hatte nichts gefruchtet. Die Leserschaft blieb trotz aller Warnungen ihrem Stoff treu. Um dieser Entwicklung Schritt zu halten, mussten die Pädagogen umdenken und hinzulernen. Hinzu kam ein weiterer Umstand, nämlich, dass die Serien besser waren als ihr Ruf. Die Kritik setzte nicht mehr an. Die neuen Serien wollten nicht in das Klischee der verdummenden, verrohenden Monster-Comics passen. Die "Peanuts" und "Asterix" sind intelligente mit Sprachwitz und Sprachspiel aufgemachte Serien, die ironisch auch aktuelle Zeitphänomene aufgriffen. Aus den alten Feinden wurden Fans. Der Kitsch von einst ist Kunst von heute. Der Comic war als Darstellungsmittel anerkannt und wurde auch im Unterricht eingesetzt. Hessen war 1970 das erste Bundesland, das die Besprechung von Comics in die Lehrpläne der Schulen schließlich aufnahm. Die Hefte können jetzt unter der Bank hervorgeholt werden. Auf doppelte Weise wurde der Comic nun eingesetzt: Zum einen als Unterrichtsgegenstand: Man sprach im Deutsch- und Kunstunterricht über Donald Duck, Superman und Asterix. Auf der anderen Seite wurden Inhalte in Comics verpackt, man denke nur an die vieldiskutierten Bibel-Darstellungen in Bilderform.
Sprecher 1: Damals, Anfang der 70er Jahre, begannen auch andere Wissenschaften sich dem Thema zuzuwenden. Eine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Comic setzte ein, wobei man sich nun stolz gab, dass sozusagen der Großvater des Comic ein Deutscher war, nämlich Wilhelm Busch mit seinen Max und Moritz Geschichten. Neben Pädagogen und Geschichts- und Kunstwissenschaftlern befanden auch Germanisten, Linguisten und Semiologen den Comic Wert, Thema ihrer Wissenschaft zu sein. Es war nicht nur die Trivialliteratur der Massen, dieser neu entdeckten Rezeptionsforschung, sondern der Comic wurde verstanden als komplexes Zeichensystem im Zusammenhang der Medien mit eigenen Codes und Decodierungen.
Sprecher 2: Eine völlig neue Interessensgruppe entdeckt - folgerichtig - ebenfalls den Comics in den 70er Jahren für sich: Die Werbebranche. Im Juli 1971 begann der Werbefachmann Werner Schmidmaier in der Zeitschrift "Graphik" eine 6-teilige Serie über Comication Art, über den Einsatz von Comics in der Werbung:
Sprecher 3: "Natürlich hat auch die Werbung erkannt, dass Comic Strips ungeheuer aufkommen. Waren es 1969 bloß 17 Anzeigen mit Comics Strips, die der Verfasser auflas, so waren es 1970 schon 32 und 1971 bereits 54 Kampagnen!"
Sprecher 2: Werner Schmidmaier stellte fest, dass es überhaupt keine Leserschaft mehr gab, für die der Comic noch tabu ist. Das machte doch deutlich, dass der Comic sozusagen nun ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft war. Das, was den Comic für die Werbung interessant macht, sind drei Aspekte: Zum einen der schnelle Wiedererkennungswert der Figuren.
Sprecher 1: Ein Blick genügt und Donald Duck ist erkannt.
Sprecher 2: Dann der aufgrund der Abstraktheit hohe Identifikationswert der Figuren.
Sprecher 1: Jeder kann Asterix mit so vielen Eigenschaften ausstatten, wie er will.
Sprecher 2: Schließlich die charakterliche Stabilität.
Sprecher 1: Superman hat sich in den 50 Jahren seiner Existenz nicht verändert, nicht mal gealtert ist er.
Sprecher 2: All dies sind Eigenschaften, wie sie realen Personen in diesem Maße niemals zukommen. Waren Comics in den 50er Jahren zum allergrößten Teil für Jugendliche gedacht und gemacht, wurde das Publikum von damals in den 70ern erwachsen. Viele blieben dem einst verpönten Lesevergnügen treu. Originalausgaben aus der Anfangszeit der bundesdeutschen Comic-Geschichte wurden gesuchte Sammelobjekte. Für ein Tom-Mix-Heft, das einst auf der Liste der jugendgefährdenden Schriften stand, werden heute gut und gerne 3000 DM hingeblättert.
Sprecher 2: Dies zeigt eine weitere Tendenz der Comic-Beschäftigung in den 70ern an: Die Fan-Kultur. Comic-Fachzeitschriften sprossen wie Pilze aus dem Boden. Von sich wissenschaftlich gebenden Forschern wurde diese Entwicklung jedoch nicht bemerkt. In keiner Bibliographie sind diese Fachpublikationen aufgenommen. Sicherlich, das Spektrum war breit: Es reicht von sogenannten Fanzines, xerokopierte, aber mit viel Zuwendung erstellte Loseblattsammlungen mit geringer Auflage von und für Comic-Liebhaber, bis zu den von großen Verlagen finanzierten Hochglanzheften, in denen die Werbeseiten dominierten. Irgendwo dazwischen lag das Feld der eigentlichen Comic-Fachzeitschriften. Hier war der Ort, wo fortlaufende Diskussionen, Besprechungen von alten und neuen Serien, Stilvergleiche, Geschichtsforschung einzelner Sparten, Figuren und Genres, Biographien von Zeichnern, Textern und Verlegern vonstatten ging. Die erste dieser Schriften wurde 1970 vom Berliner Comic-Fan Peter Skodzik herausgegeben. Recht schnell wuchs das Interesse und Mitte der 70er Jahre waren die Publikationen auf diesem Gebiet von einem Laien kaum noch zu übersehen. Eine Vielzahl von Schriften wurde gegründet und die meisten gingen, ebenso schnell wie sie erschienen waren, wieder ein. Nur wenige überdauerten diese für Comics so turbulente Zeit.
Sprecher 1: Für die Comic-Forschung im engeren Sinn wichtigste Zeitschrift war die "Comixene". Hier versammelten sich um den Herausgeber Andreas C. Knigge Autoren wie Paul Burgdorf, Martin Compart, Wolfgang J. Fuchs, Hans Jürgen Kagelmann, Achim Schnurrer und andere in der Redaktion, von denen jeder einzelne auch außerhalb der Szene wichtige Beiträge zur Comic-Diskussion lieferte.
Sprecher 2: Auf ganz andere Weise wichtig, weil besonders aktiv, ist der D.O.N.A.L.D. (Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus), der nicht nur durch seine Zeitschrift "Der Donaldist", sondern auch durch die seit 1977 regelmäßig stattfindenden Kongresse für die Comic-Szene von Bedeutung ist. Eine Grenze zwischen ernster Wissenschaftlichkeit und augenzwinkernder Selbstironie ist kaum exakt auszumachen. Die Vorträge, die mit Zwischenrufen wie "Applaus" und "Klatsch Klatsch" begleitet werden, sind sicher eine Art Para- oder Metacomic.
Sprecher 1: Zusammenfassend für die 70er Jahre lassen sich folgende Tendenzen feststellen:
Sprecher 2:
1. Die Entdeckung des Comic durch die Pädagogen, die ihn nun nicht mehr verdammen, sondern ihn zum Unterrichtsthema in der Schule machen, oder als Medium zur Vermittlung von Lernstoffen machten.
2. Die Entdeckung der Comics als Botschaftsträger in der Werbung.
3. Die Entdeckung des Comics als Sammelobjekt und damit die zunächst sich ausbreitende Comic-Fan-Kultur, der allerdings Ende des Jahrzehntes die Luft ausging.
Sprecher 2: Hält der 10jahres-Zyklus an?
Sprecher 1: Nun, es lassen sich einige Merkmale finden, die eine neue Entwicklung andeuten. Der Boom von 1974-78 ist vorbei, der Nachholbedarf ist gesättigt, Comics sind kein brisantes Thema mehr. Auch das Sterben vieler Comic-Fachmagazine geht Anfang der 80er unvermindert weiter. Ganz anders die Entwicklung auf dem Primar-Bereich und dessen Niederschlag auf die Presse. Hier kann der Comic einen Höhepunkt nach dem anderen verzeichnen.
Sprecher 2: Am 9. Juni 1984 fand das bis dahin wohl größte Medienspektakel in Sachen Comics statt. Die Disney-Figur "Donald Duck" wurde 50 Jahre alt. Kaum ein Feuilleton einer Tageszeitung, Kaum eine Wochenschrift, die mit Kultur zu tun hat, schloss sich nicht der langen Reihe der Gratulanten mit Titelbild und seitenlanger Fotostory an. Selbst die Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen widmeten dem Geburtstagskind einen Beitrag.
Sprecher 1: Der nächste Höhepunkt der Comics war ebenfalls ein Novum. Am 15. April 1985 verzeichnet die Bestsellerliste im Spiegel einen Neueingang auf Platz 9. Es war: "Brösel: Werner, eiskalt." Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik erreichte ein Comic-Buch Verkaufszahlen im Bestseller-Niveau. Bis auf Platz 3 konnte Ex-Pardon-Zeichner Brösels "Werner" emporsteigen in der Gunst der Buchkäufer. Erst ein halbes Jahr später war der Band aus der Liste verschwunden. Doch der Kieler Semmel-Verlach hat nachgelegt, weitere Werner-Geschichten erscheinen, das Comic-Programm wird erweitert. Der unerwartete Erfolg machte Mut zu weiteren Publikationen. Die Brösel-Veröffentlichungen sind mittlerweile nicht nur in Buchläden, sondern auch an Zeitungs-Kiosken und gar in Platten-Läden zu kaufen.
Sprecher 2: 1984 fand zum ersten Mal der Internationale Comic-Salon in Erlangen statt. Auch hier wurden die Erwartungen bei weitem übertroffen. Statt der erwarteten 10 000 Besuchern kamen rund 30 000. Auch publizistisch wurde das Ereignis entsprechend gewürdigt: Hörfunk, Fernsehen und Presse aus dem In- und Ausland berichteten darüber.
Sprecher 1: Dann kam wieder Brösels "Werner". Zu einer Renn-Veranstaltung im Sommer 1988, die durch den Comic inspiriert wurde, zwischen einem umgebauten Motorrad mit 4 Motoren und einem getunten Porsche kamen statt der erwarteten 100 000 Fans etwa doppelt so viel und verwüsteten die Landschaft.
Sprecher 2: Der letzte Höhepunkt war schon fast Routine. Die Disney-Figur Mickey Mouse wurde am 11. November 1988 60 Jahre alt: Mickey in Florida, Mickey in California, Mickey in China, Mickey in Russland. Film, Fernsehen und Feuilleton waren auch dabei, als die Figur auf einer UNO-Veranstaltung in New York geehrt wurde.
Sprecher 1: Ein richtiges Resümee für die 80er Jahre lässt sich nur schwer ziehen. Und wenn, das dieses: Der Comic ist ein fester und etablierter Bestandteil von Kunst und Kultur Das Geschäft mit dem Comic floriert besser denn je. Noch nie waren so viele Veröffentlichungen auf dem Markt. Noch nie wurden solche Verkaufszahlen erzielt, noch nie solche Zuwächse verzeichnet.