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Hans E. Schwender

Biografie
Ölbilder (früh)
Ölbilder (Holocaust-Phase)
Ölbilder (spät - Kreise und Spiral-Phase)
Aquarelle
Feder- und Tuschmalerei
Glasapplikationen
Mosaike
Text-Visuell
De Schwarzvochel
Super-8
Bilder in Altstadt
Altstadter Dorfbrunnen

Biografie

Rekonstruktonen aus Dokumenten, Erzählungen und Nachfragen in der Familie sowie im Umfeld der Familie.

Hans Eugen Schwender (* 31. März 1929 in Altstadt/Saar - gehört heute zur Gemeinde Kirkel; † 31. August 2006 in Zweibrücken) war ein bedeutender saarländischer Künstler, der vor allem für seine beeindruckenden, von düsterer Stimmung geprägten Ölbilder bekannt ist. Sein Werk ist einem expressionistischen Surrealismus zuzurechnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg traf sich im Saarland eine avantgardistische Kunstszene zwischen Belgien, Deutschland und Frankreich, die sein Werk stilistisch beeinflusste.

Der Vater Wilhelm Schwender (Jahrgang 1897) war Baustoff-Händler mit eigenem kleinen Betrieb. Er war bereits vor 1935 in der NSDAP, also zu einer Zeit, als es im Saarland noch nicht politisch oportun war. Im Gegenteil: In Altstadt hatte die KPD die Mehrheit im Gemeinderat.

Seine Kindheit verbrachte er im bäuerlich geprägten Ost-Saarland. In direkter Nachbarschaft des Elternhauses gab es zahlreiche Bauernhöfe. Auch die Familie betrieb nebenerwerbliche Landwirtschaft. Hans war das jüngste von fünf Geschwistern: Karl, Walter, Rosa, Liselotte und Hans. Rosa starb kurz nach der Geburt. Das Verhältnis zu seinen Brüdern, vor allem zu Karl, dem ältesten, war seht innig. Er wurde zur Leitfigur. Karl war zudem so etwas wie der Hoffnungsträger der Familie. Er war eine Weile auf dem Gymnasium, wo er wegen Mängel in Latein das Handtuch warf. Die beiden älteren Brüder waren aktiv in der Hitlerjugend. Karl wollte Fotograf werden und so machte er im nahe gelegenen Homburg/Saar eine Ausbildung zum Fotolaborant in einer Drogerie. Nach seiner Zeit bei Reichsarbeitsdienst meldete er sich zur Waffen-SS und das wurde in der nationalsozialistischen Familie mit Stolz gesehen. Bereits aus dieser Zeit finden sich Belege für Hans' Wundschberuf des Malers. Dies wurde in der Familie zunächst nicht ernst genommen, aber eine Ausbildung zum Malerhandwerk wurde, obleich dies nicht dem Wunsch des Vaters entsprach, akzeptiert. In Auschwitz begann er dann eine Lehre.

1942 siedelte die Familie nach Babitz (heute: Babice) bei Auschwitz, wo sein Vater zwischen 1942 und 1945 als Großhandelskaufmann bei I.G. Farben arbeitete. Das elterliche Wohnhaus stand im Dreieck der Bahngleise von Katowice und Krakow. Hier standen die Züge mit den Transporten oft tageland, bis sie im Stammlager Auschwitz Einfahrt erhielten. Man konnte die Menschen im Innern der Wagen hören. Doch auch sonst gab es viele Erlebnisse, die mit dem gewaltsamen Tod zu tun haben: Ein verfallenes Holzhaus am Ende der Straße erinnert an seine Geschichte. Das gab es schon damals. Genau so. Heute wohnt da niemand mehr. Der Weg zum Eingang ist zugewachsen, auf dem Dach grünen Gräser und ein paar Kräuter. Der Mann, der dort wohnte, hat sich aufgehängt an der Türklinke. Beim Versuch ihn wieder zu beleben, hat Hans ihm Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Die Füße waren so dreckig, dass ihm davor ekelte. Der Mann wurde auf dem Friedhof in Auschwitz begraben. Als dort eine Bombe fiel, schleuderte sie die Leiche in einen Baum.

Bei einem Besuch in Auschwitz im Jahre 2003 kommen noch mehr Erinnerungen: Die Bäckerei der SS neben dem Bahnhof, das Hotel gegenüber, die Stelle, wo ein Weiher für Löchwasser angelegt wurde, in einer Gaststätte direkt neben dem Ausbildunsbetrieg wurden eines Tages Schildkröten geliefert und durch ein Fenster in den Keller geworfen. Im Rathaus hat er als Geselle einen Auftrag ausgeführt.

Ganz Auschwitz war Lager. Nicht nur in der Stadt, auch auf den Wiesen und Feldern um die Stadt und die Dörfer herum haben die Insassen gearbeitet. In Kolonnen zogen sie durch das Umland von und zur Arbeit. In vielen Unternehmen, Handwerksbetrieben und auch Haushalten gab es Zwangsarbeiter. Hans Schwender berichtet später von Gefangenen, die auch in dem Malerbetrieb arbeiteten, in dem er seine Gesellenzeit verbrachte. Direkt neben dem Gelände der IG Farben, wo der Vater arbeitete, befand sich das "Konzentrationslager Auschwitz III" bzw. „Konzentrationslager Monowitz". "Uns ging es auch schlecht. Das Wasser in Auschwitz war nicht trinkbar. Es war braun und man bekam Durchfall. Lebensgefährlich nicht nur für die im Lager." Auf die Frage, was er damals über die Gefangenen gedacht habe: "Wir dachten, dass die schon einen Grund hatten, dass sie hier sind" ... "Im Lager sind viele gestorben, aber nicht nur da."

Ob und was er tatsächlich von den systematischen Ermordungen wusste, lässt sich nicht nachvollziehen. Der Holocaust war zwar "geheime Reichssache", doch die Familie war direkt involviert. Seine Schwester wurde im Alter von 18 Jahren Telefonistin im Stammlager Auschwitz. Nach ihren Aussagen war sie damit in ständigem Kontakt mit der zentralen Verwaltung in Berlin und mit den übrigen Lagern, die fast in ganz Europa die Vernichtung der Juden und anderer Gruppierungen staatlich organisiert durchführten. Hier konnte der Holocaust nicht geleugnet werden. Dass sie hier arbeitete, war die Entscheidung ihres Vaters: "Gegen meinen Willen, was ich ihm nie verzeihen konnte", wie sie später beteuert. Sie hat ihren späteren Mann dort kennen gelernt. Er war Vermessungsingenieur bei der SS und "zu vermessen gab es immer etwas."

Der Holocaust, in seiner Form als systematische Vernichtung der Juden in den Lagern, war innerhalb der Familie auch in der Nachkriegszeit niemals strittig. Zu offensichtlich war der Einblick das Geschehen. Der Aufenthalt in Auschwitz und die dortigen Umstände war später kein Familiengeheimnis, aber auch kein Thema, das in der Nachkriegszeit offen oder gar offensiv nach außen kommuniziert wurde.

Gravierend für die eigenen Entwicklung war auch der Kriegstod der beiden älteren Brüder. Karl (*1922) war bei als Schütze der Waffen-SS in der Leibstandarte "Adolf Hitler", gefallen 1943 Charkow. Walter (*1924) war Gefreiter und fiel 1944 im Westen.

Die Familie floh mit einem der letzten Züge, die Auschwitz Ende Januar 1945 noch verlassen konnten. Auf einem offenen Transport-Waggon und unter Beschuss durch Jagdflieger machte man sich auf den Weg in Richtung Westen. In den Wirren der Flucht wurde die Familie getrennt. Hans erzählt später, dass er alleine auf em Weg nach Hause durch Dresden kam, wo er die Bombardierung am 14. Februar 1945 von außerhalb der Stadt erlebte. Allerdings gibt es außer diesen Äußerungen keine Belege dafür.

Der Vater Wilhelm Schwender war in den 50-er Jahren wieder politisch aktiv. Diesmal in der FDP, die in dieser Zeit eher als "rechts-außen" zu beschreiben war, was sich etwa in der Ablehnung gegenüber den Entnazifizierungsverfahren äußerte oder im Versuch der Eingliederung von ehemaligen Wehrmachts- oder SS-Angehörigen ins gesellschaftliche und politische Leben. Auch Hans Schwender war zeitweise politisch aktiv. Er war Mitglied einer freien Wählergemeinschaft, die er auch im Rat der Gemeinde Altstadt vertrat. Er war eher engagiert an lokalen Ereignissen, gegen die großen Parteien und Bewegungen hegte er stets großes Misstrauen.

Abbildung links: Frans Masereel inmitten seiner Studenten. Links außen: Hans E. Schwender.

Ausgebildet an der Saarbrücker Werkkunstschule, wo er zwischen 1949 bis 1951 und 1956 bis 1958 bei Boris Kleint und Frans Masereel studierte. Stilistisch erinnern vor allem die Darstellungen der Hände an die Holzschnitte seines Lehrers Frans Masereel. Selbst in Ölgemälden fallen die strichartigen Gliedmaßen auf, die wirken, als seien es grobe Schwarzweiß-Drucke. Hans Schwender schuf neben Ölbildern auch Aquarelle, Skulpturen (der Dorfbrunnen in Altstadt/Saar), Mosaike (zum Beispiel für die Grundschule Limbach) Holzschnitte, Glasapplikationen (zum Beispiel für die Kirche St. Fronleichnam in Homburg/Saar) und erste Multimedia-Arbeiten mit Super-8 bereits Mitte der sechziger Jahre. Er war zudem Mundartsammler und -dichter, schrieb Aphorismen, recherchierte und publizierte zur Heimatgeschichte.

Dass die Kindheits- und Jugenderlebnisse einen prägenden Einfluss auf seine Arbeiten hatte, ist offensichtlich. In einer im Nachlass aufgetauchten Liste finden sich vereinzelt Titel zu den Bildern. Darunter: "In Erwartung", "Versinkende Warnung" oder "Gesang des Feuerofens". Immer wieder finden sich dicht gedrängte Gesichter und Gestalten. Kaum je ein Lächeln in seinen Darstellungen, dafür aber hagere Wangen und große leere Augen. Leid, Trauer oder Verzweiflung sind immer wieder kehrende Motive. Seine Vergangenheit ließ ihn zeitlebens nicht los und er verarbeite sie in seiner Kunst.

Zurück im Saarland studierte an der Werkkunstschule Saarbrücken, ohne einen Abschluss zu machen. Er hatte bereits in Auschwitz eine Malerlehre begonnen und absolvierte als Maler-Meister mit eigenem Unternehmen. Als Geselle war Helmut Butzbach (1938-2016) mit im Betrieb, der selbst Ambitionen hatte, Maler zu werden. Butzbach nutzte das Atelier von Hans E. Schwender zeitweise mit und es gab viele Gespräche über Kunst und deren Umsetzung in Bildern zwischen den beiden. Er förderte die Arbeit des ambitionierten Butzbach.

Abbildung links: Frans Masereel inmitten seiner Studenten. Im Vordergrund: Hans E. Schwender

Die letzte Ausstellung fand 1986 in der "Galerie der Arbeit" in Kirkel statt. Er versagte sich dem Kunstmarkt, signierte seine Bilder nicht. Auf der Rückseite finden sich bisweilen handschriftliche Hinweise zur Größe des Bildes und eine Nummer.

Seit 1978 wohnt er im selbst geplanten und weitgehend selbst gebauten Haus in der Homburger Straße in Altstadt. Seine Werkstatt liegt direkt daneben. Hier arbeitete er an Glasfenstern und Skulpturen. Hier führte er auch Malkurse durch. Im Wohnhaus hatte er einen Bereich, wo Staffelei und Farben ihren Platz hatten. So konnte er jederzeit seine Werke entwickeln. Er arbeitete meist an mehreren Gemälden gleichzeitig.

2003 besuchte er Babitz, ein Dorf nicht weit von Auschitz wieder. Geleitet von den Erinnerungen seiner Jugend suchte er die Orte auf: Das Wohnhaus der Eltern, seine Arbeitsstelle, wo er als Lehrling in einem Malerbetrieb lernte. Sein Wunsch, kreativ mit Farben umzugehen, war bereits als Teenager präsent, und er verfolgte sein Ziel, Maler zu werden konsequent.

Ab 2004 zog er sich aufgrund seiner Herzschwäche mehr und mehr in sein privates Umfeld zurück. Seine Themen - darunter Erziehung zur Mündigkeit, das Schicksal der Menschen oder Freiheit und Verantwortung - verfolgte er weiter in Gesprächen mit Freunden und Familie.

Er fertigte umfangreiche Aufzeichnungen zur Mundart-Forschung an. Am 31. August 2006 verstarb er in Zweibrücken im Krankenhaus an Herzschwäche. Er ist beigesetzt auf dem anonymen Grabfeld des Anatomischen Instituts der Unitersität des Saarlandes, dem er zu Lebnzeiten seine sterblichen Überreste zu Forschungs- und Übungszwecken vermacht hatte. Die offizielle Trauerfeier fand in der St. Fronleichnam-Kirche in Homburg statt, dort, wo eines seiner Glasfenster zu finden ist.